Montag, 25. April 2022

»Die Russen sind auf die Weltherrschaft aus«. Von Putin, Helmut Schmidt, Sozialdemokraten und Margret Thatcher

Zum Buch
Philipp Sarasin,
geboren 1956, ist Professor für Neue Allgemeine Geschichte am Historischen Seminar der Universität Zürich. Er war Mitbegründer des Zentrums Geschichte des Wissens von Universität und ETH Zürich (man sagt ja, das sei die beste Universität auf dem europäischen Kontinent) und ist Mitherausgeber des Online-Magazins Geschichte der Gegenwart.

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Weiter unten, einige Auszüge aus dem Buch. 

Warum? Es ist verblüffend, wie viele Parallelen man zur heutigen Situation in Europa entdecken kann (Putin, Russland, Kalter Krieg, Bedrohung der Individuellen Freiheiten, Es ist, als würde die Geschichte sich wiederholen. Als hätten wir keine Zeiten-Wende, sondern eine Rück-Kehr der Zeiten. Als würden die gleichen Kämpfe von Mitte der 1970er Jahre nun, 50 Jahre später, noch einmal geführt. - Mit welchem Ausgang dieses Mal? Mit welchem Unterschied?

In der Mitte der Siebzigerjahre blickten viele Zeitgenossen mit einer Mischung von Schrecken und Erleichterung auf den Kalten Krieg zurück: als eine Zeit, in der die Gefahr eines atomaren Armageddon unmittelbar bevorzustehen schien, in Berlin die Mauer gebaut wurde und in Prag sowjetische Panzer Dubceks Reformkommunismus niedermachten. Die Rede vom »Atomkrieg« beziehungsweise vom »nuclear war« war jetzt vergleichsweise selten geworden, die beiden Supermächte bemühten sich um »Entspannung« und die Bundesrepublik strebte unter der Regierung Brandt im Verhältnis zur DDR und den osteuropäischen Staaten nach einem »Wandel durch Annäherung«.

Die Schlussakte der »Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa« (KSZE) 1975 in Helsinki schließlich weckte konkrete Hoffnungen auf ein friedliches Zusammenleben und einen ebensolchen Austausch zwischen den Blöcken.

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Einige weitere Stichworte:

  • Das strategische Gleichgewicht in Europa werde/wurde gefährlich destabilisiert
  • Die »individuelle Freiheit« in Amerika sei durch die militärische Überlegenheit der Sowjetunion bedroht
  • »There is no substitute for victory« — »es gibt keine andere Option als den Sieg« über die Sowjetunion
  • Die in Margret Thatchers Augen unmittelbare Bedrohung der Freiheit des Westens durch die sowjetische militärische Aufrüstung: 
  • »Die Russen sind auf die Weltherrschaft aus, und sie eignen sich rasch die Mittel an, um die mächtigste imperiale Nation zu werden, die die Welt je gesehen hat«
  • Die Sowjetunion nütze die Entspannungspolitik schamlos aus, die Abrüstungsgespräche, internationale Verträge; ... schamlos zu ihrem eigenen militärischen Vorteil
  • Für Thatcher bedeutete dieses »Vorrücken der Macht des Kommunismus«, dass der westliche »Lebensstil« insgesamt bedroht sei. Daher gäbe es »Momente in unserer Geschichte, in denen wir eine grundsätzliche Wahl zu treffen haben«.
  • Der Unterschied zwischen der Sowjetunion und Labour, der Sozialdemokratie, war für sie nicht grundsätzlicher, sondern bloß gradueller Natur, was sie gleich zu Beginn der »Britain Awake«-Rede mit der mehr als spitzen Bemerkung unterstrich, 
  • Sozialisten würden sich nicht vor russischen U-Booten und Raketen fürchten, weil »vielleicht einige Leute in der Labour Party denken, wir stünden auf derselben Seite wie die Russen«. 
  • Am 19. Januar 1976 richtete Thatcher in einer Rede in der Londoner Kensington Town Hall unter dem Titel »Britain Awake« das Visier ihrer von einem Team von Redenschreibern scharf geschliffenen Rhetorik auf den sowjetischen Feind. In sehr unverblümten Worten, die wie eine aus der Zeit gefallene Kampfansage an den Kreml wirken mussten, geißelte sie die in ihren Augen unmittelbare Bedrohung der Freiheit des Westens durch die sowjetische militärische Aufrüstung..

In Deutschland warten "wir"(?) nun ungeduldig auf die "Germany-awake"-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz, in der er mit scharf geschliffener Rhetorik und in sehr unverblümten Worten sein Visier auf den russischnen Feind richtet, seine Kampfansage an den Kreml: "Deutschland erwache!" (?) 

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SS-20 Mittelstreckenrakete. Quelle
Die RSD-10 Pioner war eine sowjetische mobile ballistische Mittelstreckenrakete zum Transport von nuklearen Sprengköpfen. Die Bezeichnung der US-amerikanischen Defense Intelligence Agency lautet SS-20 (dabei steht das Akronym für surface-to-surface „Boden-Boden“) und die NATO-Bezeichnung ist Saber. Diese Raketen waren Gegenstand großer politischer Auseinandersetzungen zwischen der NATO und der Sowjetunion; ihre Stationierung hatte den NATO-Doppelbeschluss zur Folge. Die Raketensysteme wurden unter dem 1987 geschlossenen INF-Vertrag bis zum Jahr 1989 ausgemustert und bis 1991 zerstört. [Wikipedia] 

 

Auszug aus dem Buch. 

Die Schlussakte der »Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa« (KSZE) 1975 in Helsinki schließlich weckte konkrete Hoffnungen auf ein friedliches Zusammenleben und einen ebensolchen Austausch zwischen den Blöcken. Diese optimistischen Einschätzungen teilten nicht alle. Brandts Nachfolger Helmut Schmidt hatte am 28. Oktober 1977 in einer Rede im Londoner Institute for Strategic Studies amerikanische Geheimdiensterkenntnisse bekanntgemacht, dass die Sowjetunion begonnen habe, die neue atomar bestückte Mittelstreckenrakete RSD-10 »Pioner« (im NATO-Code die SS-20 »Saber«) in Gefechtsbereitschaft zu stellen.

Diese mobile Trägerrakete mit ihren drei atomaren Sprengköpfen bedrohe erstmals nicht das Territorium der USA, sondern China und den Nahen Osten, vor allem aber Westeuropa; sie würde daher, so Schmidt, trotz der in den SALT-II-Gesprächen angestrebten atomaren Parität der Supermächte das strategische Gleichgewicht in Europa gefährlich destabilisieren." Schmidt sprach weitgehend verklausuliert zu — vermutlich ausschließlich männlichen — Experten und Diplomaten, seine Londoner Rede fand daher in der Öffentlichkeit kaum Resonanz. Aber auch die Regierung Carter schenkte ihr wenig Gehör. Carters nationaler Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski wehrte sich dagegen, die SS-20 in die SALT-II-Verhandlungen aufzunehmen, um diese nicht zu verkomplizieren, und auch andere außenpolitische Experten warnten davor, übertriebene Bilder von der sowjetischen militärischen Bedrohung zu zeichnen."

 Deutlich weniger diplomatisch und auch viel pauschaler als Schmidt

— und noch vor dessen Warnungen vor der SS-20 — hatte sich im Jahr zuvor [1976] in den USA im Vorwahlkampf der Republikanischen Partei Ronald Reagan, der parteiinterne Herausforderer des noch amtierenden Präsidenten Gerald Ford, über die sowjetische Bedrohung geäußert. Der ehemalige Gouverneur von Kalifornien und erklärte Konservative vom rechten Flügel seiner Partei griff Ford vor allem wegen dessen angeblich zu nachgiebigen Haltung gegenüber der Sowjetunion an. Ford und sein Außenminister Henry Kissinger hätten unter dem Zeichen der détente [Die Verbesserung zwischenstaatlicher Beziehungen, Entspannungspolitik] den Niedergang der amerikanischen Militärmacht zu verantworten, die USA seien strategisch hinter die Sowjets weit zurückgefallen und in »Angola, Kambodscha und Vietnam« sei der Friede, von dem Ford spreche, »der Friede des Grabes«.

Ganz ähnliche Töne waren gleichzeitig in Großbritannien zu vernehmen.  

Sie kamen von der konservativen Oppositionspolitikerin Margaret Thatcher, die 1975 den in zwei nationalen Wahlen als Premierminister knapp geschlagenen und politisch geschwächten Tory-Parteichef Edward Heath vom Vorsitz der Konservativen verdrängt hatte und zum ersten weiblichen »leader« einer großen politischen Partei eines westlichen Staates aufgestiegen war."

Thatcher zitierte gar Solschenizyns Behauptung, der Westen befände sich im »Dritten Weltkrieg« gegen die Sowjetunion und verliere dabei immer mehr an Boden; es sei dies ein Krieg, zu dem sie nicht nur die »kommunistische Aggression« in Indochina und die sowjetische Unterstützung der MPLA in Angola zählte, sondern zum Beispiel auch die Nelkenrevolution in Portugal.
Doch ganz unabhängig davon, ob Thatchers alarmistische Beschreibung des militärischen Potentials der Sowjetunion die Sachlage richtig wiedergab — es existierten dazu auch ganz andere Einschätzungen —, war schon an der Rede selbst erkennbar, dass es allein darum gar nicht ging.

Es seien vielmehr grundsätzlich die »Exzesse des Sozialismus«, die nicht nur wegen gefährlich niedriger Verteidigungsausgaben der Labour-Regierung, sondern ebenso in Gestalt ihrer »sozialistischen« Wirtschaftspolitik »das Überleben unseres way of life« bedrohe.

Diese polemische Verbindungslinie zwischen einer wiederentflammten Rhetorik des Kalten Krieges und der innenpolitischen Denunziation des wohlfahrtsstaatlichen Kompromisses der Nachkriegszeit als »Sozialismus« war typisch für Thatchers offensiven Konservatismus, der kurz nach ihrer Wahl zur Parteichefin auf den Neologismus »Thatcherism« gemünzt wurde, weil er für die konservative Presse anfänglich verwirrend neu und schwer zu fassen war.
Aber dieser neue Konservatismus war nicht einfach Thatchers Erfindung. Er prägte auch, um damit zu beginnen, das Programm des 1976 knapp gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Reagan.

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Alarmismus ist ein politisches Schlagwort, mit dem eine unnötige oder übertriebene Warnung vor Problemen bezeichnet oder behauptet wird. Wer den Begriff verwendet, drückt damit in der Regel wertend aus, dass er die Warnungen und Ängste nicht teilt oder für stark überzogen hält. Der Begriff fand auch Eingang in die Medienkritik. [Wikipedia]

 Die Movimento Popular de Libertação de Angola (MPLA; deutsch Volksbewegung zur Befreiung Angolas) war eine der drei wichtigsten angolanischen Befreiungsbewegungen gegen die Kolonialmacht Portugal und ist seit der Unabhängigkeit des Landes (1975) die beherrschende Partei Angolas. Sie konnte ihre politische Machtposition auch nach der Einführung des Mehrparteiensystems im Jahr 1990 behaupten und regiert das Land bis in die Gegenwart mit einer relativ stabil erscheinenden absoluten Mehrheit. Die Partei mit Sitz in Luanda wurde ursprünglich als marxistische bzw. kommunistische Bewegung gegründet, jedoch hat sich die MPLA im Lauf der Jahre in ihrer Ausrichtung zusehends sozialdemokratischen Positionen angenähert. [Wikipedia] 

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Siehe auch:

Zeitenwende. Von Männlichkeit, Helden, Antihelden, Pophelden, Schwarz-Weiß-Dichotomie, Putin, Selenski, Satan, Königreichen des Bösen und des Guten 

 



Samstag, 9. April 2022

Das Kind, die Ukraine, ist in den Brunnen gefallen. - Putin "in die Speichen fallen, das Steuerrad entreißen" statt nur "die Opfer des Wahnsinnigen zu beerdigen und deren Angehörige zu trösten".

Fantasie von übermorgen
(bzw. vom Weltfrauentag 8. März 2022)

Bertha von Suttner: Die Waffen nieder!,
Vorsatzblatt der Ausgabe von 1896

Das Vorsatzblatt dieser Ausgabe
von "Die Waffen nieder"
zeigt einen Friedensengel,
der dem Kriegsgott Mars
auf dem Schlachtfeld Einhalt gebieten will.
Quelle
 und als der nächste Krieg begann
da sagten die Frauen: Nein
und schlossen Bruder, Sohn und Mann
fest in der Wohnung ein.

Dann zogen sie in jedem Land
wohl vor des Hauptmanns Haus
und hielten Stöcke in der Hand
und holten die Kerls heraus

Sie legten jeden über's Knie
der diesen Krieg befahl:
die Herren der Bank und Industrie,
den Minister und General.

Da brach so mancher Stock entzwei
und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gab's Geschrei,
doch nirgends gab es Krieg.

Die Frauen gingen dann wieder nach Haus
zu Bruder und Sohn und Mann
und sagten ihnen: der Krieg sei aus.

Die Männer starrten zum Fenster hinaus
und sahen die Frauen nicht an...

(Erich Kästner 1929)

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Kriegs-Erlebnisse

Die Brücke ist ein deutscher Antikriegsfilm von Bernhard Wicki aus dem Jahre 1959. Er basiert auf dem im Jahr zuvor erschienenen gleichnamigen autobiografischen Roman von Gregor Dorfmeister, der nach eigener Aussage mit diesem Roman seine persönlichen Kriegserlebnisse verarbeitete und veröffentlichte. Die Uraufführung erfolgte am 22. Oktober 1959 in den Alster-Lichtspielen in Mannheim. [Wikipedia]
Es leben auch heute deutsche SoldatInnen und andere Menschen, die in jüngerer oder jüngster Zeit Kriege erlebt und/oder daran beteiligt waren. 

Zum Beispiel:

1999 hat die Bundeswehr mit der Luftwaffe im Rahmen der Operation Allied Force mit etwa 500 Einsätzen zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik an einem (verfassungsmäßig und völkerrechtlich umstrittenen Krieg) – dem Kosovo-Krieg – teilgenommen.

Als am 29. Juni 2021 die letzten deutschen Kräfte der NATO-Mission Resolute Support Afghanistan verließen, endete eine Ära: Rund 20 Jahre lang hatten deutsche Soldatinnen und Soldaten dort "gedient". Man könnte auch sagen "gekämpft". Am 11. September 2001 entsandte der Bundestag die ersten deutschen Soldaten und Soldatinnen nach Afghanistan. „Bis zum letzten Tag unserer Präsenz in Afghanistan haben wir gezeigt, dass wir alle an uns gestellten Aufgaben erfüllen können“, erklärte der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Eberhard Zorn, in seinem Tagesbefehl anlässlich des Einsatzendes im Sommer dieses Jahres.---- Nun ja, "alle gestellten Aufgaben erfüllt"? ...

Insgesamt haben rund 160.000 Soldatinnen und Soldaten am Hindukusch ihren Dienst geleistet. 59 kamen ums Leben – so viele wie bei keinem anderen Bundeswehr-Auslandseinsatz. Nach Angaben des Auswärtigen Amts hat der Einsatz allein bis 2020 über 12 Milliarden Euro gekostet. [Quelle]
Mit den nun von Kanzler Olaf Schalz angekündigten Kriegs- und Aufrüstungsgeldern von 100 Mrd Euro könnte man also ganz schön weit kommen. 8 x so viel wie der Krieg in Afganistan Deutschland gekostet hat. 

Seit fast neun Jahren (seit 2013) sind Bundeswehrsoldaten in Mali im Einsatz. Der könnte jedoch bald enden.  Rund 1400 deutsche Soldaten und Soldatinnen sind derzeit (Februar 2022) im Einsatz in Mali.

Das Wort "Krieg" war lange Zeit verpönt und ein "böses Wort". Für den Krieg in Afghanistan (2001-2021) wurde es von der deutschen Bundesregierung 9 Jahre lang vermieden, die Hälfte der Einsatzzeit in Afghansitan. -
Erst nach dem Tod von drei deutschen Soldaten bei Gefechten mit radikal-islamischen Taliban in Afghanistan im Frühjahr 2010 hatte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) erstmals das Wort "Krieg" in den Mund genommen: Bei der Realität in der Region "kann man umgangssprachlich von Krieg reden", sagte Guttenberg damals.

Quelle

Noch im Februar 2010 hatte die Bundesregierung den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan "neu bewertet" und völkerrechtlich als "bewaffneten Konflikt" bezeichnet. Und davor war von einem "
Stabilisierungseinsatz" der Bundeswehr die Rede.
Putin spricht von einem "militärischen Sondereinsatz" in der Ukraine.

Gibt es (auch) gute und gerechte Kriege /bewaffnete Konflikte/ Stabilisierungseinsätze/ militärische Sondereinsätze?
Ja, sagen die/manche EthikerInnen.
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Die Lehre vom gerechten Krieg (lateinisch bellum iustum)...
  • ... ist eine in der abendländischen Rechtsgeschichte entwickelte Auffassung, der zufolge ein Krieg oder bewaffneter Konflikt zwischen Kollektiven – meist Staaten – dann und nur dann ethisch und rechtlich legitim ist, wenn er bestimmten Anforderungen genügt. 
  • Nach modernem Völkerrecht ist der Angriffskrieg grundsätzlich geächtet und damit das Recht zum Krieg außer Kraft gesetzt; legitim sind allein von den Vereinten Nationen mandatierte „militärische Sanktionen“ zum Zweck der Friedenssicherung. 
  • Seit 1990 kam es jedoch im Zusammenhang mit humanitären Interventionen zu einer neuen Diskussion um die Möglichkeit von „gerechten Kriegen“.

Tyrannenmord.

Der evangelische Theologe Bonhoeffer 
gehört wohl zu den bekanntesten deutschen Widerstandskämpfern gegen Hitler und das NS-Regime, er wird –sogar im ökomenischen Heiligenlexikon aufgeführt, als Märtyrer angesehen. -
Ab 1940 arbeitete er heimlich für eine der Widerstandsgruppen, dem Kreis um den bekannten Graf Staufenberg, gegen Reichs-Kanzler Adolf Hitler, den "Führer". Allerdings war er bereits 1938 im Widerstand unter Admiral Wilhelm Franz Canaris an und erhielt daraufhin Arbeits- und Redeverbot...
1943 wird er im April verhaftet. Das Attentat vom 22. Juli 1944 auf Hitler war gescheitert, nach Aktenfunden ist Bonhoeffers Beteiligung nicht länger zu leugnen,
er wird in den Gestapo-Keller des Hauptquartiers verlegt.
1945 sah es kurzzeitig so aus, als würde er doch überleben, aber wenige Tage vor Kriegsende wird er in Flossenburg auf Befehl des Führers liquidiert.

Nachdem die NS-Führung für den 1. April 1933 zu einem Boykott der jüdischen Geschäfte in Deutschland aufgerufen hatte und am 7. April mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ jüdische Beamte aus dem Staatsdienst zwangsentlassen wurden, arbeitete der 27jährige Dietrich Bonhoeffer seinen Aufsatz „Die Kirche und die Judenfrage“ aus und hielt ihn als Vortrag unter Pfarrerskollegen. Bonhoeffers Text ist einer der ersten kirchhliche Auseinandersetzungen mit der NS-Rassenideologie, die zudem
die Frage an einem kirchlichen Widerstandsrecht gegen ein staatliches Unrechtsregime stellt.
Das bedeutet eine dreifache Möglichkeit kirchlichen Handelns dem Staat gegenüber:
  1. Erstens (wie gesagt) die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitim staatlichen Charakter seines Handelns, d. h. die Verantwortlichmachung des Staates.
  2.  Zweitens der Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Wei­se verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören. „Tut Gutes an jedermann.“ [...]  
  3. Die dritte Möglichkeit besteht darin, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen. Solches Handeln wäre unmit­tel­bar politisches Handeln der Kirche und ist nur dann möglich und gefordert, wenn die Kir­che den Staat in seiner Recht und Ordnung schaffenden Funktion versagen sieht, d. h. wenn sie den Staat hemmungslos ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht verwirklichen sieht. [...] Die Notwen­digkeit des unmittelbar politischen Handelns der Kirche hingegen ist jeweils von einem „evangelischen Konzil“ zu entscheiden und kann mithin nie vorher kasuistisch konstruiert werden.

Was meint er mit diesem Satz?
"Wenn ein betrunkener Autofahrer mit hoher Geschwindigkeit den Kurfürstendamm hinunter rast, kann es nicht die einzige und wichtigste Aufgabe eines Pfarrers sein, die Opfer des Wahnsinnigen zu beerdigen und deren Angehörige zu trösten. Viel wichtiger ist es, denn Betrunkenen das Steuerrad zu entreißen."   

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Können Kriege gerecht sein?:
Glaube, Zweifel, Gewissen -
wie ich als Militärbischof nach Antworten suchte /
Sigurd Rink


Montag, 7. März 2022

Alles verstehen heißt nicht: Alles verzeihen - Putin verstehen heißt nicht: Putin verzeihen --- Putin misszuverstehen wäre wohl das Problem?

 Alles verstehen heißt nicht: Alles verzeihen. ---
Ganz im Gegenteil.

Wie der Historiker Golo Mann Anfang der 1930er Jahre schon sagte: Es gehe darum den Hauptgegner (damals den Nationalsozialismus) zu verstehen, um ihn wirkungsvoll bekämpfen zu können.
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Putin-Missversteher Gysi: Mit Putin nun restlos fertig
"Ich bin zutiefst entsetzt und mit Putin restlos fertig." Während Millionen Menschen – wie er selbst auch – „tief bewegt“ seien und Hunderttausende demonstrierten, würden sie nur weiter alte Feindbilder kultivieren. „Die Nato ist böse, die USA sind böse, die Bundesregierung ist böse und damit Schluss für euch“, hält der linke Altvordere ihnen vor. Und er fragt: „Müssen nicht auch wir über uns nachdenken, eine gewisse Zäsur begreifen?“
 
Mit "sie" meint Gysi, (der außenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag ist) Sahra Wagenknecht nebst Sevim Dağdelen, Andrej Hunko, Klaus Ernst, Żaklin Nastić, Christian Leye und Sören Pellmann.
Im Anschluss an die Bundestagsdebatte vom Sonntag (27.2.2022) hatten dies eine gemeinsame Erklärung verfasst. "In dieser Erklärung verurteilen sie zwar pflichtschuldig den Überfall Russlands auf die Ukraine als völkerrechtswidrigen Krieg, der durch nichts zu rechtfertigen sei. Ansonsten vermeiden sie jedoch kritischere Töne gegenüber Wladimir Putin." (Quelle)
Gysi: „Was mich wirklich entsetzt an eurer Erklärung, ist die völlige Emotionslosigkeit hinsichtlich des Angriffskrieges, der Toten, der Verletzten und dem Leid.“
Sahra Wagenknecht und die anderen UnterzeichnerInnen widersprachen.
 
Putin-Versteher Waleri Solovej: Putin ist außer sich vor Wut.
"Putins Pläne sind [in Bezug auf die Eroberung der ganzen Ukraine innerhalb von 2 Tagen, von der er schon 2014 als Möglichkeit gesprochen hatte] zusammengebrochen.
Daher fuhr er aus Verzweiflung zuletzt die Nuklear­drohung auf. Die Sanktionen werden immer schärfer und härter. Putin ist außer sich vor Wut. Alle fürchten ihn. Sie haben keine Angst, den Job zu verlieren, sondern umgelegt zu werden. Die Einschüchterung des Auslandsgeheimdienstchefs Sergei Naryschkin letzte Woche auf der Sitzung des Sicherheitsrats gibt davon einen Eindruck."  Quelle     
(Waleri Solovej 61, war bis 2020 Professor für Politik und Geschichte an der diplomatischen Kaderschmiede, MGIMO in Moskau. Aus politischen Gründen musste er die Hochschule verlassen.) 
 
Siehe dazu auch:
Talkshow Maybrit Illner 04.09.2014
u.a. mit dem Philosophen Richard David Precht, NATO-General a.D. Kujat u.a. .
(12,5 Minuten-Ausschnitt)
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Müssen "wir" - bezüglich des Überfalls auf die Ukraine - nun alle das Gleiche denken, meinen und fühlen?

"Krieg hat eine kollektivierende Wirkung, im Guten wie im Schlechten.
Wunderbar das Ausmaß an Anteilnahme; so kann Solidarität aussehen, wenn sie nicht beeinträchtigt wird durch Spaltungen und rassistische Vorbehalte, wenn sie europäischen Menschen gilt, Unsrigen – vielleicht gestern noch nicht ganz unsrig, aber doch heute.

Und ja, gewiss, auch ich habe demonstriert, gespendet, Empathie gezeigt. Aber da ist eine neue Art von Pandemie, sie ist geistig-politischer Art, ein mentales Strammstehen, das sich über Nacht unter jenen verbreitet hat, die öffentlich Stimme haben. Das Große Sprechen, nennen wir es so.
Es erklärt aus dem Heute des Kriegs rückwirkend die letzten 30 Jahre, als hätte es nie Alternativen zu der Situation gegeben, in der sich Europa heute befindet, und als wäre Putin schon in der Wiege ein Kriegsverbrecher gewesen.
Nein, ich relativiere seine Schuld nicht; dies ist ein durch nichts zu rechtfertigender Angriffskrieg."

Über die Sendung von Anne Will am 25.2.22 :
"Die Sendung war geprägt von einer kriegerischen Sprache und Furcht einflößenden Zukunftsaussichten, wie sie noch vor einer Woche unvorstellbar schienen." 
(t-online.de, "tagesanbruch")
 
SPD-Bundeskanzler Scholz versprach 100 Milliarden Euro "Kriegskredite"
zur Aufrüstung der Bundeswehr - und erhiel dafür stehende Ovationen und Bravo-Rufe aus dem Plenum des Bundestages. 2022 = 2014 ???

Der Historiker Golo Mann schrieb übrigens in seiner Deutschen Geschichte von 1958 über die deutsche Sozialdemokratie: Sie sei  »ein roter Faden der Vernunft, der sich durch die moderne Geschichte zieht«. Sie - und sie allein - stand lange Zeit für die » Tradition einer vernünftigen, völkerversöhnenden Außenpolitik«. Diese Politik sei »durch alle Umschwünge und Katastrophen hindurch von den deutschen Sozialdemokraten nie verraten worden, sie lebt auch heute noch«, heißt es in der "Vorrede" des Buches.

1914: "Hipp, Hipp, Hurra" - Postkarte gegen
Die Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten


Montag, 28. Februar 2022 taz
 
Florian Harms, Chefredakteur der Redaktion von t-online.de  meint und kommentierte:

"So stand er [Bundeskanzler Olaf Scholz] auch gestern am späten Abend in einem Airbus der deutschen Luftwaffe: nachdenklich, besorgt, aber entschlossen. [...] Seine Genossen in der SPD-Bundestagsfraktion hat er mit der massiven Aufrüstung der Bundeswehr überrumpelt, wohl noch nicht einmal die SPD-Spitzen waren vorab in alle Details eingeweiht. [...]
Derweil bereiten sich Kiews Einwohner mit Straßenblockaden aus Autoreifen und Schrott sowie selbstgebastelten Molotowcocktails auf die Invasion vor. Es ist ein Kampf wie David gegen Goliath, nur dass diesmal wohl nicht David gewinnt. [...]
Der Kanzler schaut sehr ernst, wenn er über die Tragödie spricht, die Zigtausende Ukrainer in den nächsten Tagen und Wochen erwartet.
Im Empörungssturm über den Krieg werden kritische Fragen kaum gehört.
Es herrscht der Herdentrieb. Das ist verständlich, auch hier im Tagesanbruch kommentieren wir ja scharf. Aber es ist auch riskant. Und es zeigt sich einmal mehr: Deutschlands politische Strukturen sind für die Bewältigung der Großkrisen unserer Zeit nicht gemacht."

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 EKD-Friedensbeauftragter gegen Waffenlieferungen an Ukraine

Der neue Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof  Friedrich Kramer, unterstützt nachdrücklich die Position der Bundesregierung, keine Waffen an die Ukraine zu liefern und im Streit mit Russland diplomatische Lösungen zu suchen. „Waffen können kein Teil der Lösung sein, sie würden eher zu einer Eskalation des Konfliktes führen“. Kramer rief in dem Interview dazu auf, nicht auf die Kriegsrhetorik zu hören. Es müssten alle Aspekte des Konfliktes beachtet werden: „Dazu gehört es auch, die Sicherheitsinteressen Russlands nüchtern in den Blick zu nehmen.“
Als einen Schwerpunkt seiner Arbeit als EKD-Friedensbeauftragter nannte Kramer, „dafür zu ringen, dass Deutschland dem seit einem Jahr in Kraft getretenen Atomwaffenverbotsvertrag beitritt“.
Der Bischof verwies auf die lange Tradition der Friedensarbeit evangelischer Christen in der DDR. Vor mehr als 30 Jahren hätten sie mit Friedensgebeten in überfüllten Kirchen gewaltfrei eine friedliche Revolution erreicht. „Die Mauer fiel, ohne Gewalt, der Kalte Krieg endete, die europäische Teilung konnte überwunden werden, Abrüstung wurde möglich. Die evangelischen Kirchen im damaligen DDR-Kirchenbund haben durch ihre friedensethische Arbeit viel dazu beigetragen“, erklärte der 
Bischof.

(VERÖFFENTLICHT AM 03.02.2022)

Friedrich Kramer, der seit September 2019 Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland ist, ist auch Friedensbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Der Friedensbeauftragte der EKD soll den Angaben nach die kirchliche Friedensarbeit stärken und diese nach außen repräsentieren. Das Amt wurde 2008 geschaffen. Zudem bildet das Amt auch ein friedensethisches Pendant innerhalb der EKD zum Bischof für die evangelische Seelsorge in der Bundeswehr. Die Berufung gilt für die sechsjährige Ratsperiode.
In einer gemeinsamen Stellungnahme zum Krieg in der Ukraine äußern sich der Friedensbeauftragte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Friedrich Kramer, und der Bischof für die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr, Bischof Bernhard Felmberg, wie folgt.
 
  • Für Kramer, der in der DDR aufgewachsen ist und sich in der dortigen Friedensbewegung engagiert hat, ist diese russische Sichtweise erstmal nachvollziehbar. Aus russischer Perspektive gehe die Aggressivität vonseiten der sich immer weiter ausbreitenden NATO aus.
Als Friedensbeauftragter hat Kramer auch die Situation der orthodoxen Christen in der Ukraine im Blick. Vor drei Jahren hat sich die orthodoxe Kirche in der Ukraine gespalten. Deswegen gibt es heute die "alte " orthodoxe Kirche, die nach wie vor zum Moskauer Patriarchat gehört, dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Und es gibt eine "eue ukrainisch-orthodoxe Kirche. 
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Ginge es auch anders?

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