Mittwoch, 21. Dezember 2011

Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. - Und Sippenhaft?

Gestern las ich in der Zeitung:

ARNHEIM taz | Die niederländischen Bischöfe sind "geschockt" über das Verhalten der Täter und "tief beschämt über die Momente" in denen Verantwortliche der Kirche "nicht die richtigen Massnahmen getroffen haben, um das Leid zu stoppen."
Das steht in einer aktuellen Briefbotschaft der Bischöfe über sexuellen Missbrauch an Kinder und Jugendliche in der römisch-katholischen Kirche. Den katholischen Gläubigen wird diese Botschaft an diesem Wochenende bei ihrem Kirchgang überbracht.
Der Erzbischof von Utrecht, Wim Eijk, erklärte "es erfüllt uns mit Scham", er sei "tief berührt". Die katholische Kirche habe eine deutliche, strenge, sexuelle Moral, man könne erwarten, dass sich die Institution selbst an diese Moral halten würde, sagte er in einem TV-Interview.
Mehrere zehntausend Kinder und Jugendliche
Sexueller Missbrauch an Kinder und Jugendlichen war verbreiteter, als Niederländer es befürchtet hatten. Schätzungsweise zehn- bis zwanzigtausend Minderjährige, die einen Teil ihrer Jugend in römisch-katholischen Einrichtungen verbracht haben, wurden von 1945 bis 1981 in jenen Einrichtungen sexuell missbraucht. Das steht in einem Untersuchungsbericht, der am Freitag veröffentlicht wurde.
Insgesamt wurden von 1945 bis 2010 mehrere Zehntausende Kinder und Jugendliche in der Katholischen Kirche sexuell missbraucht, sie hatten mit leichten bis schweren Grenzüberschreitungen zu tun. Etwa 1.000 Minderjährige wurden vergewaltigt. In einem Internat war das Risiko, missbraucht zu werden, zweimal so hoch wie im landesweiten Durchschnitt. Zu diesen Erkenntnissen kommt die Kommission Deetman, die im Auftrag der katholischen Bischöfe Missbrauchsvorwürfe innerhalb der Katholischen Kirche untersucht hat.

Und gestern stand auch in der Zeitung
dass in Tübingen seit diesem Monat, Dezember 2011, ein Klavierlehrer einer privaten Musikschule in U-Haft sitzt wegen "Tatverdacht des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit dem sexuellen Missbrauch widerstandsunfähiger Personen zum Nachteil der Musikschüler“...

Bei der gestrigen Lektüre musste ich natürlich auch wieder an den unglaublichen und unsäglichen Missbrauch in der Odenwaldschule denken, und ich schaute noch einmal nach, was aus diesem Skandal letzendlich geworden war. -  (Zwei meiner Bekannten hatten dort ihre Söhne als Schüler untergebracht, und ich selber hatte die Schule vor vielen Jahren zweimal besucht und damals auch mit dem inzwischen verstorbenen ehemaligen Schulleiter Gerold Ummo Becker gesprochen.)

Der Abschlussbericht zur Odenwaldschule ist ziemlich genau vor einem Jahr erschienen, im Dezember 2010. Damals las man:


Der vorläufig letzte Bericht zu Opfern sexuellen Missbrauchs an der einstigen Vorzeigeschule bringt weitere furchtbare Details ans Licht.
283 Jungen sollen hier missbraucht worden sein: Die Reformschule Odenwald. 
HEPPENHEIM taz 17.12.2010. Von Christian Füller | Die beiden unabhängigen Aufklärerinnen der Odenwaldschule haben sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen. Sie bezeichnen die übergriffig gewordenen Lehrer der Odenwaldschule tatsächlich als Täter - und nennen sogar ihre Namen. Vier Männer seien eindeutig als Täter zu identifizieren. [...] Der Haupttäter war allerdings Gerold Becker [...]. Nach den bisher vorliegenden Meldungen gibt es 111 Opfer sexueller Übergriffe.[...]
Die Gerichtspräsidentin a. D. Brigitte Tilmann sagte am Freitag, Ziel ihrer Arbeit sei nicht die strafrechtliche Verurteilung der Täter gewesen. Diese sei gar nicht möglich, weil die Taten ausnahmslos verjährt seien. [...] Dem langjährigen Leiter der Odenwaldschule Gerold Becker werden 86 männliche Betroffene zwischen 12 und 15 Jahren zugerechnet. [...] 


Vieles ist verjährt, Gerold Becker ist während der Untersuchungen gestorben (an Krebs), manche Taten sind nicht verjährt und werden deshalb noch von Gerichten beurteilt und bestraft werden. - Und: Manche Journalisten sind damals über`s Ziel hinaus geschossen und haben über-eifrige Artikel verfasst, zum Beispiel - so finde ich - auch Christian Füller, dessen Artikel und Bücher ich eigentlich sehr schätze: Er schüttete gleich die gesamte Reformpädagogik der 1920er Jahre mit dem Bade aus. (So wie leider auch der deutsche Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers, Jg. 1947, Professor in Zürich).  


Harmut von Hentig, geboren 1925 (und damit gut zwei Jahre jünger als der gerade verstorbene Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter), war Freund des Täters Gerold Becker; mehr dazu findet man in dem offenen Brief von Lutz van Dijk an Hartmut von Hentig am Ende dieses Posts. 

In Wikipedia liest man:
Von Hentig wurde nach seinen ersten Äußerungen zu den sexuellen Missbrauchsfällen an minderjährigen Schutzbefohlenen an der Odenwaldschule scharf kritisiert. Er hatte als langjähriger Freund des im Juli 2010 verstorbenen Pädagogen und Erziehungswissenschaftlers Gerold Becker auf Verlangen dazu eine Stellungnahme verfasst. [...] Von Hentig beteuerte, von Beckers Pädokriminalität nichts gewusst zu haben. Er mutmaßte unter anderem, Becker habe sich von den Opfern verführen lassen. In einem offenen Brief kritisierte Lutz van Dijk, der sich darin als Freund von Hentigs bezeichnet, dass Hentig in seiner Loyalität zu Gerold Becker sich zur „Ignoranz gegenüber den Opfern von sexuellem Missbrauch“ habe hinreißen lassen.

Die Frankfurter Rundschau urteilte im März 2010 über von Hentig: „Doch die Vorwürfe sind so ungeheuerlich, dass das beredte Schweigen des großen deutschen Pädagogen von Hentig die Opfer und sein eigenes Lebenswerk beschädigt.“


Es steht (noch) nicht in Wikipedia, dass von Hentig am 18.10.2011 auch der Comenius-Preis aberkannt worden ist, der ihm 1994 verliehen worden war. In dem Abererkennungsschreiben heißt es u.a.:


Die Comenius-Stiftung ist eine gemeinnützige und mildtätige "Stiftung zur Unterstützung Not leidender Kinder und Jugendlicher". Sie ehrt durch die Verleihung des Comenius-Preises Personen oder Gruppen, die sich in hervorragender Weise für Kinder bzw. Jugendliche eingesetzt haben. Die mit dem Preis verbundene Geldsumme, so unsere Satzung, muss der jeweilige Preisträger an Not leidende junge Menschen weitergeben - wobei die Not bekanntlich keine Grenzen kennt. Sie haben seinerzeit (am 12. März 1994) die Preissumme von 20 000 DM geteilt und an die Odenwald- sowie die Wiesbadener Helene-Lange-Schule gegeben. Damals konnten wir noch nicht einmal ahnen, dass an der einen Schule Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht wurden und an der anderen ein Musiklehrer Hunderte von pornografischen Fotos seiner Schüler anfertigte.

Ich weiß nicht, ob das richtig ist.Oder ob das unter Sippenhaft zu zählen ist. Hartmut von Hentig selber antwortete so:


Im Juli 2011
Hartmut von Hentig
Ein Klärungsversuch
Unter dem Eindruck der Berichte von Betroffenen möchte ich zugleich den wiederholten Aufforderungen von Freunden und Kritikern genügen, die mir vorwerfen, nicht deutlich genug zu den Leiden der Opfer und zu den Vorfällen an der Odenwaldschule (in vergangenen Jahrzehnten) Stellung genommen zu haben.

Ich gebe meine Überzeugungen, die ich anderwärts ausführlicher dargelegt und begründet habe, hier in geraffter Form wieder:

1.
Die Berichte von Betroffenen sind Zeugnisse/Dokumente schwerer Verletzungen und nicht entschuldbarer Übergriffe von Seiten Erwachsener. Sexueller Missbrauch von Kindern ist ein Verbrechen. Dass solche Übergriffe Gerold Becker anzulasten sind, trifft niemanden härter als seinen engsten Freund.
Als dieser bitte ich seine Opfer in Demut, sie mögen dem Toten die Verzeihung gewähren, um die er sie noch lebend gebeten hat. Ich tue es im Mitgefühl für die Kinder, die sie damals waren, und für die Kränkung, dass man ihnen als Erwachsenen nicht geglaubt hat. Was das bedeutet, habe ich im letzten Jahr gründlich gelernt. Eine Abkehr von dem toten Freund nützt niemandem und ist von mir nicht zu erwarten.
2.
Kritik an der Reformpädagogik und den Schulen, die sich auf sie berufen, sind je in sich zu begründen und nicht an mich gekoppelt.
Die von diesen Schulen ebenso wie in meinem Sokratischen Eid vertretenen Grundsätze wollen zu einer menschlichen Pädagogik anleiten. Kommt es zu schwerwiegenden Verstößen wie sexuellen Übergriffen, werden diese Grundsätze dadurch nicht untauglich. Ihre Funktion ist es vielmehr, menschliche Schwäche und Fehlbarkeit erkennbar und überwindbar zu machen.
3.
Wer sich jetzt aus Empörung über die Vorfälle an der Odenwaldschule oder aus Enttäuschung über mich von der von mir vertretenen Pädagogik abkehrt, der prüfe sich selber. Dabei sollte es nicht darum gehen, was bei Hentig steht, um das, was ich richtig oder falsch gemacht habe, sondern darum, was gute Pädagogik heute und in Zukunft sein kann.


Siehe dazu auch 

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