Mittwoch, 3. April 2013

Handbuch macht Kinder krank. Vom Zappelphilipp zu ADHS.


1845, im Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann, (der ein deutscher Psychiater war) zappelte Philipp zwar schon, aber er war sonst noch gesund. Er "hatte" kein ADHS - und er bekam auch kein Ritalin, schon gar nicht auf Rezept.
Auch die zappelnden Philipps 100 Jahre später waren noch gesund. - Erst ab 1994 wurden sie dann offiziell krank geschrieben. 





Und das kam so:

Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) hat ein Handbuch psychischer Erkrankungen, das zum ersten Mal 1952 in den USA erschienen ist. Das Handbuch heißt DSM = Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders = Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen.  Zurzeit gilt noch die 4. Fassung, das DSM-IV. - In ihm sind alle anerkannten psychischen Erkrankungen klassifiziert und nummeriert. 
  • Hat die Krankheit eine Nummer, gibt es diese Krankheit auch. Das ist ggf. nicht schlecht, denn dann zahlt die Krankenkasse den Arzt und die Medizin dagegen.
  • Manchmal ist es auch nicht gut, denn im ersten DSM zum Beispiel (DSM-I, das bis 1973 galt), war ein homosexueller Mensch noch offiziell krank, weil Homosexualität im Handbuch als psychische Krankheit klassifiziert war. - Ab 1973 wurden Schwule & Lesben dann von einem Tag auf den anderen gesund geschrieben - weil der Passus im neuen Handbuch II ersatzlos gestrichen wurde.
    Die Anekdote dazu: Als der Psychoanalytiker Irving Bieber [Vorfahre von Justin Bieber?] gefragt wurde „Hast Du die schrecklichen Neuigkeiten gehört? - Sie nehmen Homosexualität aus den zukünftigen Drucken von DSM-II heraus.“ antwortete er „Was ist DSM-II?“
  • Beim Zappelphilipp ging es anders herum: Bis 1994 war er noch gesund, ab 1994 hatte er dann ADHS und war krank. Denn ab DSM IV stand ADHS als Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom im Handbuch und war damit eine offizielle psychische Erkrankung.
  • Das war vielleicht gut für manches Kind und machen erwachsenen, dem nun die Diagnose ADHD erteilt wurde, denn seitdem kann der zappelnde Philipp zum Arzt gehen - und der verschreibt ihm dann, auf Kosten der Krankenkasse, z.B. Ritalin. Das taten dann auch viele Ärzte, und das wiederum war gut für die Pharmaindustrie 1993 wurden in Deutschland noch 34 kg Ritalin verbraucht, 15 Jahre später - obwohl es inzwischen weniger Kinder gab - 1634 kg, also ca. 50 mal so viel 1,6 Tonnen mehr...
  • Ob das für alle ca. 250.000 Kinder, die in Deutschland Ritalin nehmen, auch gut ist, ist umstritten. Man spricht von 90% Fehl-Diagnosen. -
    Die Anekdote dazu: Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom heißt zu Recht "Aufmerksamkeits-Defizit"-Syndrom, denn es zeigt an, dass ein Kind ein Defizit an Aufmerksamkeit bekommt und deshalb zappelt es - aus Notwehr sozusagen. 

Mein, diese Mixtur ist nicht gut. Die Ratte wurde grün
und hat fast ihr ganzes Fell verloren.
Nehmen wir 30 mg Xylonene.
Das sollte für Frau Turner in Ordnung sein.

Ähnlich ging es auch dem Asperger-Autismus, der ebenfalls 1994 mit dem DSM-IV eingeführt wurde. Der Psychiatrie-Professor Allen Frances, der das DSM-IV als Chairman mitentwickelt hatte, sagte dazu: "Wir hatten gehofft, dass sich dadurch die Zahl der Autismus-Diagnosen um ein Drittel reduzieren würde - sie hat sich aber verzwanzigfacht. Und Studien legen nahe, dass etwa die Hälfte der Diagnosen falsch sind".

In der geplanten neuen Fassung, DSM-V, soll es wieder eine neue Kinderkrankheit geben: Disrupted Mood Dysregulation Disorder = impulsiv emotional dysregulierte Kinder. - Wenn Sie LehrerIn sind: Schauen Sie sich mal in Ihrer Klasse um: Vielleicht sind dann ab Mai 2013, wenn das DSM-V in Kraft treten soll, ein paar Ihrer SchülerInnen plötzlich von heute auf morgen psychisch krank...

Siehe auch:  


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Das Schwester-Handbuch zum DSM, das in Deutschland verwendet wird und sich mit dem DSM abstimmt, heißt ICD. ICD = Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Die aktuelle, international gültige Ausgabe ist die Nummer 10: ICD-10.


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