Mittwoch, 10. April 2013

Von Neurobiologie, Neuromythologie, Lernen-2.0, Macht und Autorität


Es gibt wohl keine pädagogische Diskussion im Lande mehr, ohne dass der Referent - oder die Referentin - einen Satz fallen lässt wie: "Wie auch die neuesten neurobiologischen Befunde beweisen" oder: "wie auch der renommierte Gehirnforscher XY schreibt".
Damit möchten die Referierenden ihre Aussage unterstreichen, sie quasi unbezweifelbar und nicht diskutierbar machen. Denn: ICH kann vielleicht irren - aber die Neurobiologie ist unfehlbar - denn man kann ja alles im Computer-Tomographen nachschauen. - 

Der Referierende glaubt vielleicht, seine Aussage könne angezweifelt werden, wenn er sie nicht durch ein Zitat aus der Neurobiologie belegt. - Aber das ist eine geliehene Autorität, die auf schwachen Füßen steht. Denn je mehr die Erwachsenen ihren Kinderglauben und ihre Ehrfurcht vor der Allwissenheit der NeurobiologInnen verlieren, um so mehr schwindet auch die Autorität des Referierenden, der seine Aussage mit Hilfe der Neurobiologie glaubte stützen zu müssen.


Mythos Neurobiologie

Entzaubert 
hat den Mythos von der Unfehlbarkeit der Neubiologie zunächast einmal ein "Papst" der Neurobiologie und des Lernens selber: Manfred Spitzer mit seinem Buch "Digitale Demenz": 
Digitale Medien machen süchtig. Sie schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Wenn wir unsere Hirnarbeit auslagern, lässt das Gedächtnis nach. Nervenzellen sterben ab, und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden. Bei Kindern und Jugendlichen wird durch Bildschirmmedien die Lernfähigkeit drastisch vermindert. Die Folgen sind Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg. ... so der renommierte Gehirnforscher Manfred Spitzer (Klappentext).
Wer`s glaubt wird wohl damit nicht unbedingt selig...
  
Die Aufregung war groß, als im Sommer vorigen Jahres die Freiherr-vom-Stein-Schule in Fulda eine iPad-Klasse eingerichtet hat. Eine der prominentesten Kritiken ist die des Ulmer Psychiaters Professor Manfred Spitzer. Er gab zum Start der iPad-Klasse Interviews, in denen er den Einsatz von Computern im Unterricht generell in Frage stellte. Handschriftlich geschriebene Inhalte würden wesentlich besser im Gedächtnis gespeichert als getippte, sagt er: „Wer sich die Welt nur per Mausklick aneignet und sie nicht – wörtlich – begreift, der kann deutlich schlechter über sie nachdenken.“ Das Argument, der Umgang mit Neuen Medien gehöre mittlerweile zum Berufsalltag, greift für Spitzer zu kurz. Er verweist darauf, dass PCs nicht nur Lernprozesse be­ein­trächtigten, sondern auch zu Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen führ­ten und sogar internet- beziehungsweise computersüchtig machten. Quelle
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Entzaubert 
hat diesen Mythos der (selbstverständlich "renommierte" ;-) Neurobiologe Felix Hasler mit seinem Buch: 
„Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“. Transcript Verlag, Bielefeld 2012, 260 Seiten, 22,80 Euro.
Siehe auch: http://www.neuroculturelab.com/ 

Links: Felix Hasler bei einem Vortrag im Haus der Kulturen der Welt in Berlin

"Hasler hat die gründlichste und eisigste Kritik dieses in den jüngsten Dekaden hoch subventionierten Wissenschaftsspiels verfasst. Er sagt: Sogenannte bildgebende Verfahren, von denen behauptet wird, sie könnten Depressionen, Alkoholismus oder Süchtiges überhaupt erklären, taugen nichts. Nicht jedenfalls für das, was sie vorgeben zu erklären. Mit technisch-computeroid gewonnenen Bildern von Gehirntätigkeiten lasse sich Subjektives nicht lesen, nicht kenntlich machen. Was ein Mensch denkt und weshalb er gerade das tut, was er träumt - und nichts anderes -, sei unmöglich in schrillen Tomographien aus Gehirnregionen abzubilden." Quelle
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Re-Interpretation

Tatsächlich gibt es bisher nur wenige wirklich überraschende Ergebnisse der Neurobiologie. Davon berichtet der leider zu früh verstorbene Klaus Grawe in seinem Buch "Neuropsychotherapie": Man dachte früher, dass durch eine Therapie der Phobien (z.B. Höhenangst, Angst vor Spinnen) die Phobie "verschwunden" sei, wenn der Patient nach der Therapie die Praxis ohne Phobie verlässt. In der Tomographie sieht man nun, dass der Gehirnbereich, der im Moment der Angst aktiv war, immer noch aktiv ist. Nach der Therapie ist aber ein zusätzlicher Bereich in einer anderen Gegend aktiv, der vorher nicht aktiv war: Es ist wohl so, dass die Angst noch da ist, der Patient jedoch eine Gegen-Aktiviät aufgebaut hat, die seine Angst unterdrücken kann. 
Auch die Entdeckung der Spiegel-Neuronen , die zum ersten Mal 1992 beschrieben wurden, war eine wirklich erstaunliche Entdeckung, die einen wichtigen Beitrag zur Psychologie und Pädagogik geleistet hat. Vergleiche dazu das Buch des (natürlich "renommierten" ;-) 
Joachim Bauer: Warum ich fühle, was du fühlst: intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg: Hoffmann und Campe, 2005.

Angemessen schreibt Susanne Thurn (Leiterin der Laborschule Bielefeld) über die Neurobiologie: "Die neurowissenschaftliche Re-Interpretation von reformpädagogischen Erfahrungen aus mehr als einem Jahrhundert stärkt deren Begründungskräfte."
 


(Siehe auch: Susanne Thurn: Eine andere Schule ist möglich!). 



"Re-Interpretaion" ist wohl in den meisten Fällen - wenn auch nicht immer, siehe oben) das passendere Wort, wenn man von Neurobiologie und Pädagogik spricht.

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Samstag, 6. April 2013

LehrerIn - LernbegleiterIn - PädagogIn? - Was bin ich und wenn Ja: Wie viele? I


Wenn es um die Auswahl von Lehrkräften für eine Schule geht...

 

Sie kennen vielleicht die 4 Pädagogischen Urbitten von Peter Fratton.
(Wenn nicht, dann schauen Sie z.B. HIER oder HIER oder lesen einfach weiter.)
 

Wenn jemand 

bei diesem "international tätigen Bildungsanbieter" als LehrerIn (man sagt dort LernbegleiterIn) arbeiten will, dann - so Peter Fratton -
"dann sagen wir, Du darfst vier Dinge nicht tun:



- So, und was geschieht jetzt? Aber Entschuldigung, das ist ja alles was ich gelernt habe und das soll nicht gelten? Und zugegeben, nehmen Sie es nicht wörtlich, es ist eben im Sinne einer Irritation gedacht und zwar Irritation als Ereignis vor einer Idee.
Also, ich halte kurz den Atem an, und dann kann eine Idee kommen – ah – gut, wenn ich das nicht kann, dann überlege ich noch, was ich sonst tun könnte." [...]


" ICH erzähle etwas, was MICH fasziniert, also ich erzähle von meiner Faszination und überlege nicht, wie könnte ich dich motivieren. Und wahrscheinlich ist das, was mich am meisten fasziniert, das was dich am meisten interessiert,
aber das ist ein Risiko." [...]

"Zum Schluss möchte ich noch meine Irritation etwas auflösen:

  • Also, bringe mir nichts bei, sondern lasse mich teilhaben
  • erkläre mir nicht, sondern gib mir Zeit zu erfahren,
  • erziehe mich nicht, sondern begleite mich,
  •  motiviere mich nicht, aber dich."
"[...] Ich habe noch gelernt, ICH muss die Kinder motivieren. Und dann mussten wir in der Patent-Lektion solche Tricks anwenden, wie man die erwischt. Also, was muss ICH tun, damit DU aufmerksam bist. Und das machen wir nicht, aber ich schaue, dass ICH motiviert bin.

Z.B. ich muss mich jetzt noch etwas motivieren, so spät hier zu reden, aber es ist mir gelungen, dass ich gedacht habe, es gibt da so kleine Dinge, die ich einbauen kann, dann gibt mir Euer Lachen Motivation. Genau so war es, oder? Ich konnte mich damit motivieren.
Und wenn ich jetzt im Unterricht bin und ich unterrichte etwas, was mich nicht fasziniert, dann sollte ich das nicht tun."
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Wenn jemand 
an der Laborschule Bielefeld als LehrerIn arbeiten will (man sagt dort PädagogIn), dann - so die Schulleiterin (Prof. Dr. Susanne Thurn):  
 

"Wenn es um die Auswahl von neuen Pädagoginnen und Pädagogen für die Biele­felder Laborschule geht, dann stelle ich mir zunächst die vier Fragen, die ich von Michael gelernt habe:
  1. Erscheint mir der Mensch vor mir als eine Person, die sich selbst gefunden hat, mit sich gut umzugehen weiß, Vertrauen zu sich selbst aufbauen konnte ‑ strahlt er etwas davon aus, auf mich, auf andere?
  2. Scheinen andere Menschen ‑ kleine wie große ‑ für ihn das Wichtigste zu sein, hat er ein erkennbares Interesse an ihnen, ihrem Sein und Werden, liebt er die Menschen, oder scheinen sie ihm eher fremd zu bleiben? Strahlt er aus, dass er Menschen ‑ kleinen wie großen ‑ vertraut, dass sie ihm vertrauen können und er ihr Zutrauen zu sich selbst fördern kann?
  3. Scheint dieser Mensch von seiner Sache überzeugt zu sein, vertraut er darauf, dass sie bedeutsam ist, sich für sie jede Anstrengung lohnt ‑ strahlt er seine eigene Begeisterung für seine Sache aus, auf mich, auf andere?
  4. Und schließlich: Vertraut er der Institution, in der er arbeiten möchte, dass sie sich entwickeln kann? Wird er sich mit anderen dafür einsetzen wollen und auch können? Ist er frei genug, sich ihr nicht unterordnen oder gar seine Auto­rität aus ihr beziehen zu wollen?
Viermal also Vertrauen:
  • Vertrauen zu sich selbst ‑
  • Vertrauen in den anderen ‑
  • Ver­trauen in die Sache ‑
  • Vertrauen in die Institution.

[...] Bewusst spreche ich dabei nicht von Lehrerinnen und Lehrern, sondern von Pädagoginnen und Pädagogen. Erzieherinnen und Erzieher für frühkindliche Bildung brauchen für ihre Arbeit prinzipiell nichts anderes an Voraussetzungen als Lehrerinnen und Lehrer für Primarstufen.

Primarstufenlehrende wiederum brauchen im Kern nichts anderes als jene für Sekundarstufen, und ich gehe so weit zu sagen: auch als jene für Tertiärstufen, und auch Studierende brauchen Lehrende, die dieses vier­geteilte Vertrauen vermitteln können und ausstrahlen. -
Natürlich bin ich zugleich davon überzeugt, dass auch Leitungen pädagogischer Einrichtungen genau dieses viergeteilte Vertrauen im Umgang mit den ihnen Anvertrauten entwickelt haben müssen.

Worin sich die Arbeitsfelder und Professionen dann für wachsendes Alter von Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen oder für Führungsaufgaben in­haltlich unterscheiden müssen, ist wichtig, aber nachgeordnet."
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Wenn jemand

in Finnland LehrerIn werden will...: 
 


"Eine erste, aber keineswegs ausreichende Vorausset­zung ist ein hervorragender Schulabschluss. Für den wichtigsten Beruf überhaupt, den die Gesellschaft für ihre Zukunft zu vergeben hat ‑ so wird das in Finnland zu recht gesehen! ‑, reicht das jedoch noch ganz und gar nicht aus.

Jene Besten aller Schulabgänger werden darum zu einer dreitägigen Prüfung, einem assessment in einem assessment center, eingeladen. Dabei geht es ausschließlich um ihre Per­sönlichkeit:
  • Ist das ein selbstsicherer junger Mensch, der sich (altersangemessen natürlich) kennt, seine Emotionen und nicht zuletzt seine Sexualität zu kontrollieren weiß, der zu sich selbst gefunden hat?
  • Reagiert er in Konfliktsituationen, aber nicht nur dort, tolerant, ausgleichend, lösungsorientiert?
  • Ist er einfühlsam, sensibel, anderen Menschen zugewandt, neugierig auf sie und auf sich selbst?
  • Kann er sich zurücknehmen, im Team wirken, sein Wissen und Können teilen?
  • Hat er Humor, weiß er seine Launen zu kontrollieren, kann er begeistern?
  • Vertraut er Menschen, dass sie lernen wollen und können?
  • Kann er sich in andere hineinversetzen und sie individuell passend ansprechen?
  • Ist er erfindungsreich und kreativ im Stellen von Aufgaben?

Wer dann schließlich ausgewählt wird, kann nicht nur stolz auf sich sein, sondern genießt sogleich hohes gesellschaftliches Ansehen, das sich jedoch keineswegs in einem besonders üppigen Einkommen manifestiert.
Unsere Gehälter in Deutsch­land sind deutlich höher, die wahrnehmbare Wertschätzung dürfte allerdings deutlich niedriger liegen. Überall in finnischen Bildungseinrichtungen war spür­bar: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, aber auch deren Eltern wissen, dass ihre Pädagoginnen und Pädagogen aus den Besten des Landes ausgewählt wurden, und sie begegnen ihnen mit entsprechender Hochachtung, mit Respekt, Höflichkeit, Zurückhaltung, Wohlwollen."
Quelle: Susanne Thurn a.a.O
Das LehrerInnen-Studium in Finnland dauert mindestens 5 Jahre. Nur 1 von 10 LehramtsanwärterInnen erreicht das Ziel. . Die Gehälter liegen auf dem OECD-Durchschnitt.

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Arbeitsauftrag ;-):
  1. Finde Gemeinsamkeiten und Unterschiede!
  2. Wo stimmst du zu? - Wo spürst du Widerstand?
  3. An welcher Schule möchtest du arbeiten - an welcher nicht?
  4. Welche würde dich wohl einstellen? Welche eher nicht?

Siehe auch:

Mittwoch, 3. April 2013

Handbuch macht Kinder krank. Vom Zappelphilipp zu ADHS.

1845, im Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann, (der ein deutscher Psychiater war) zappelte Philipp zwar schon, aber er war sonst noch gesund. Er "hatte" kein ADHS - und er bekam auch kein Ritalin, schon gar nicht auf Rezept.
Auch die zappelnden Philipps 100 Jahre später waren noch gesund. - Erst ab 1994 wurden sie dann offiziell krank geschrieben. 





Und das kam so:

Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) hat ein Handbuch psychischer Erkrankungen, das zum ersten Mal 1952 in den USA erschienen ist. Das Handbuch heißt DSM = Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders = Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen.  Zurzeit gilt noch die 4. Fassung, das DSM-IV. - In ihm sind alle anerkannten psychischen Erkrankungen klassifiziert und nummeriert. 
  • Hat die Krankheit eine Nummer, gibt es diese Krankheit auch. Das ist ggf. nicht schlecht, denn dann zahlt die Krankenkasse den Arzt und die Medizin dagegen.
  • Manchmal ist es auch nicht gut, denn im ersten DSM zum Beispiel (DSM-I, das bis 1973 galt), war ein homosexueller Mensch noch offiziell krank, weil Homosexualität im Handbuch als psychische Krankheit klassifiziert war. - Ab 1973 wurden Schwule & Lesben dann von einem Tag auf den anderen gesund geschrieben - weil der Passus im neuen Handbuch II ersatzlos gestrichen wurde.
    Die Anekdote dazu: Als der Psychoanalytiker Irving Bieber [Vorfahre von Justin Bieber?] gefragt wurde „Hast Du die schrecklichen Neuigkeiten gehört? - Sie nehmen Homosexualität aus den zukünftigen Drucken von DSM-II heraus.“ antwortete er „Was ist DSM-II?“
  • Beim Zappelphilipp ging es anders herum: Bis 1994 war er noch gesund, ab 1994 hatte er dann ADHS und war krank. Denn ab DSM IV stand ADHS als Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom im Handbuch und war damit eine offizielle psychische Erkrankung.
  • Das war vielleicht gut für manches Kind und machen erwachsenen, dem nun die Diagnose ADHD erteilt wurde, denn seitdem kann der zappelnde Philipp zum Arzt gehen - und der verschreibt ihm dann, auf Kosten der Krankenkasse, z.B. Ritalin. Das taten dann auch viele Ärzte, und das wiederum war gut für die Pharmaindustrie:  1993 wurden in Deutschland noch 34 kg Ritalin verbraucht, 15 Jahre später - obwohl es inzwischen weniger Kinder gab - 1634 kg, also ca. 50 mal so viel 1,6 Tonnen mehr...
  • Ob das für alle ca. 250.000 Kinder, die in Deutschland Ritalin nehmen, auch gut ist, ist umstritten. Man spricht von 90% Fehl-Diagnosen. -
    Die Anekdote dazu: Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom heißt zu Recht "Aufmerksamkeits-Defizit"-Syndrom, denn es zeigt an, dass ein Kind ein Defizit an Aufmerksamkeit bekommt und deshalb zappelt es - aus Notwehr sozusagen. 

Mein, diese Mixtur ist nicht gut.
Die Ratte wurde grün
und hat fast ihr ganzes Fell verloren.
Nehmen wir 30 mg Xylonene.
Das sollte für Frau Turner in Ordnung sein.

Ähnlich ging es auch dem Asperger-Autismus, der ebenfalls 1994 mit dem DSM-IV eingeführt wurde. Der Psychiatrie-Professor Allen Frances, der das DSM-IV als Chairman mitentwickelt hatte, sagte dazu: "Wir hatten gehofft, dass sich dadurch die Zahl der Autismus-Diagnosen um ein Drittel reduzieren würde - sie hat sich aber verzwanzigfacht. Und Studien legen nahe, dass etwa die Hälfte der Diagnosen falsch sind".

In der geplanten neuen Fassung, DSM-V, soll es wieder eine neue Kinderkrankheit geben: Disrupted Mood Dysregulation Disorder = impulsiv emotional dysregulierte Kinder. - Wenn Sie LehrerIn sind: Schauen Sie sich mal in Ihrer Klasse um: Vielleicht sind dann ab Mai 2013, wenn das DSM-V in Kraft treten soll, ein paar Ihrer SchülerInnen plötzlich von heute auf morgen psychisch krank...

Siehe auch:  


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Das Schwester-Handbuch zum DSM, das in Deutschland verwendet wird und sich mit dem DSM abstimmt, heißt ICD. ICD = Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme. Die aktuelle, international gültige Ausgabe ist die Nummer 10: ICD-10.


Dienstag, 2. April 2013

Tod auf der Warteliste für das Gymnasium



Für die Bildung ihrer Kinder gehen Eltern über Leichen:

Vier Kinder, die auf der Warteliste für ein Gymnasium standen, wurden eins nach dem andereb umgebracht. Man könnte denken, das geschah aus abgrundtiefer Bosheit. - 
Aber da war kein perverser Irrer am Werk. Diese Kinder wurden umgebracht, weil sie im Weg waren, die Morde hatten eine sozial-darwinistische Komponente: 
Zur Besserung der Allgemeinheit müssen eben die unpassenden Leute verschwinden; in diesem Fall die Grundschüler, die nicht auf das Rosenhof-Gymnasium passten. ...

Natürlich nur im Krimi:



Im ZEIT-Interview (s.u.) sprach der Autor über Aufstieg & Bildung:
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Das Paradoxe im Buch sei, dass alle - auch die Eltern, auch der Mörder -  alles richtig machen wollen. Alle sind getrieben von einem Grundgedanken: 
Für die Kinder, für mein Kind, für die Schule nur das Beste. 
Jeder versucht, sein Kind über die Runden zu bekommen und damit fertig zu werden, dass aus Klassenkameraden Konkurrenten werden können: Wenn ich dich abschreiben lasse, untergrabe ich meine eigenen Karrierechancen. 

In Alefs Krimi gibt es eine Spezialeinheit der Polizei namens S.W.A.T.: »Sechstklässler wechseln die Adresse zur Täuschung der Behörden«. Alef beschreibt, wie sich ein richtiger Schwarzmarkt für Undercover-Wohnungen entwickelt hat: Dort werden die Kinder gemeldet, um in einem bestimmten Schulbezirk zu landen.

Beim Wechsel aufs Gymnasium in der Realität spielen dann andere Kriterien eine Rolle. Der Ausländeranteil, zum Beispiel, sei ein wichtiger Sekundär-Indikator für das Niveau einer Schule. Im Berliner Wettbewerb um Schüler orientierten sich Schulen auch an Marktmoden. Beispielsweise brüstet sich ein Gymnasium damit, vor dem Abitur ein Assessment-Center anzubieten – eine normale Berufsberatung reicht nicht.

Die Erfahrung, die er, Alef, zum Glück gemacht habe, sei: 

Es komme in der Schule weder auf den Ausländeranteil noch auf das musische Angebot, sondern auf die Lehrer an.

Sein elfjähriger Sohn wird nicht auf das Gymnasium gehen, auf dem die Älteste ist. Er will auf eine Gesamtschule. Wie die Jüngste sich entscheidet, werde man sehen. Das hieße dann: drei Kinder, drei Milieus, mit ihren verschiedenen Elternabenden und Schulfreizeiten, Arbeits- und Terminplänen.


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"Die Überforderung beginnt, wenn das Erfahrungswissen der Eltern nicht mehr reicht, um den Kindern unterstützend zu helfen. Nicht jeder beherrscht Powerpoint-Präsentationen, wie sie inzwischen schon in der Grundschule verlangt werden."

Die Schule hat das Potenzial, ein wunderbarer Ort zu sein oder ein ganz unwirtlicher Ort. Das gilt für Lehrer und Schüler. Ganz tückisch ist es, in diesen Ort Wettbewerb hineinzubringen. Vor dreißig Jahren sahen wir es als selbstverständlich an, auch in einer bayerischen Schule, dass wir unsere Mitschüler abschreiben ließen. Heute heißt es eher: Wenn ich dich abschreiben lasse, unterminiere ich meine Karrierechancen.


"Kinder werden nur als Träger von Potenzial beurteilt, auf Verwertbarkeit hin beobachtet, als Ressource im weitesten Sinne, als etwas, das optimierungsfähig ist.
Das hat mit der traditionellen Bildungserzählung zu tun: Aufstieg durch Bildung. Je mehr Kinder Zugang zu Bildung bekommen, desto kleiner wird der Kuchen, der zu verteilen ist. Deshalb wird der Wissenserwerb in der Lebenszeit immer weiter nach vorne verlagert. Man muss nicht mehr wissen, sondern man muss es früher wissen. Doch irgendwann wird das ein totes Rennen."


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Siehe auch:


Freitag, 29. März 2013

Gemeinschaftsschule in BW ist kein "rotes" Projekt - Und auch kein "grünes"


Ist es so?

Vergleiche: Bohl/Meissner: Expertise Gemeinschaftsschule.
Forschungsergebnisse und Handlungs-Empfehlungen
für Baden-Württemberg. Beltz 2013


Siehe auch: Der Geburtsfehler der Gemeinschaftsschulen in BW.
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Schule "on demand"
Die Gemeinschaftsschule (GMS) in BW wird nicht flächendeckend eingeführt, die ist eine "Schulform on demand", d.h. sie muss von der Kommune beantragt werden, und dann wird zunächst im Kultusministerium (KuMi) geprüft, ob diesem Antrag - auf Grund bestimmter Kriterien - statt gegeben wird.

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In der ersten Staffel (2012/2013) wurden in BW 42 Gemeinschaftsschulen genehmigt. Wenn man sich anschaut, welche Parteien in diesen Kommunen die BürgermeisterInnen stellen, dann sieht das nicht rot und nicht grün aus:

Insgesamt gibt es 1109 Kommunen in BW.
42 davon haben in diesem Schuljahr eine GMS genehmigt bekommen.

Davon haben
  • 3 einen SPD-Bürgermeister,
  • 1 einen grünen Bürgermeister,
  • die meisten (16) einen CDU-Bürgermeister.
Die verbliebenen 22 teilen sich auf:
  • parteilos 11,
  • freie Wähler 7,
  • FDP 2,
macht zusammen 40; (zwei bleiben irgendwie übrig).
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Quelle: Kultus-Portal BW
Warum Gemeinschaftsschulen entstehen.
In der Praxis überwiegen zwei pragmatische Gründe:

Der demographische SchülerInnen-Rückgang
Der Trend weg von der Hauptschule. Vor 20 Jahren war die Hauptschule wirklich noch die Haupt-Schule, d.h. die meisten Kinder eines Jahrgangs gingen auf die Hauptschule. Heute wünschen sich nur noch 2% aller Eltern einen HS-Abschluss für ihr Kind. De facto gingen 2012 in BW 41% auf das Gymnasium, 34% auf eine Realschule und nur noch 24% auf eine Hauptschule.

Aus diesem Grunde mussten viele Gemeinden ihre Hauptschule (oder Werkrealschule, WRS, was in BW eine Hauptschule mit Klasse 10 ist) schließen, und die Hauptschul-Kinder der Gemeinde mussten in die nächste der Gemeinden fahren, in der es eine Hauptschule (HS) gibt. Die Lösung:
Wir beantragen eine Gemeinschaftsschule, dann können wir auch RealschülerInnen aufnehmen - und der Schul-Standort meiner Gemeinde ist gesichert. Die BürgermeisterIn freut sich und die Eltern der sog. "HauptschülerInnen" ebenso, denn die Schule bleibt im Ort und die früheren "Rest-SchülerInnen" werden nun gemeinsam mit "höheren" SchülerInnen unterrichtet. Das erspart Beschämung und Stigmatisierung. - (Ob es auch für das Lernen gut ist, bleibt an dieser Stelle erst einmal außen vor.)

Auch der Finanzminister der Landesregierung freut sich, denn die 377 Gymnasien im Ländle hatten über 300.000 SchülerInnen (also im Schnitt ca. 820 pro Schule), aber die ca. 158.000 HauptschülerInnen hatten 1176 Schulen, (also im Schnitt nur etwa 135 SchülerInnen pro Schule). - Da kann Geld eingespart werden. (Ob es auch für das Lernen gut ist, bleibt an dieser Stelle erst einmal außen vor.)

So treffen sich die Interessen von BürgermeisterInnen, Finanzminister und (zumindest) der HS-Eltern und LehrerInnen. Das war eine günstige Ausgangslage.

Die hat mit Pädagogik & Bildung zunächst mal nichts zu tun, doch wenn es nun auch noch dem besseren Lernen dient, dann würde es schon passen:

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"Schulträgern und Schulen wird es nun gelingen müssen, überzeugend zu vermitteln, dass es nicht allein um Standortsicherung unter verändertem Namen geht, sondern dass es ein qualitativ hochwertiges pädagogisches Konzept gibt, mit dem alle Kinder gleichermaßen optimal gefördert werden."
 Prof. Isabell von Ackeren, Uni Duisburg-Essen

Wenn man die Eltern der GMSn fragt 

(so geschehen in Berlin 2010), dann sagen 90% dieser GMS- Eltern, dass sie dieseSchulart gewählt haben, weil die GMS alle Abschlüsse anbietet, also auch das Abitur, ohne dass das Kind zwischendrin die Schule wechseln muss. -
  • Wenn ich also mein Kind auf eine GMS schicke, habe ich die Option auf alle Schulabschlüsse inklusive Abitur. Quelle
Nicht zu vernachlässigen eine Erfahrung aus den Regionen, in denen es Gesamtschulen gab und gibt: Es hört sich besser an, wenn ich den NachbarInnen sagen kann "Mein Sohn geht auf die Gesamtschule" oder "Meine Tochter geht auf die Gemeinschaftsschule", (weil dann die Option Abitur noch eingeschlossen ist) als wenn ich sage: "Mein Kind geht auf die Hauptschule". - Ein nicht zu vernachlässigender sozialpsychologischer Faktor.

Wie war das eigentlich damals bei den Gesamtschulen?

In den 1970er Jahren wurden in BW 7 Gesamtschulen gegründet (6 als Versuchsschulen (in Heidelberg, Mannheim-Herzogenrieth, Stuttgart-Neugereuth, Tübingen, Weissach im Tal, Weinheim) und 1 als Modellschule in Freiburg. Davon sind noch 3 dieser sog. Schulen besonderer Art übrig geblieben (in Mannheim, Freiburg, Heidelberg).
Anders als heute mussten damals - in der Zeit der Ersten Bildungs-Expansion - neue Schulen gebaut werden, weil die Schülerzahlen anstiegen. Die Gesamtschulen waren daher Neubauten mit neuen LehrerInnen, die sich gezielt dorthin beworben hatten. Das Durchschnittsalter der Kollegien lag dadurch oft eher bei 30 oder weniger als bei 40.

Neben der Demographie spielte auch eine Rolle, dass "Arbeiter-Kinder" besser gefördert werden sollten als im 3-gliedrigen Schulsystem (Kompensatorische Erziehung) und der so genannte Sputnik-Schock.

Die neuen Gemeinschaftsschulen in BW heute haben es insofern schwieriger als die damaligen Gesamtschulen; denn heute müssen sich jeweils 2 oder sogar 3 eingespielte Kollegien mit eingespielten Strukturen zu einer Gemeinschaftsschule zusammenraufen, die Schulgebäude sind nicht von vorne herein für die Bedürfnisse der neuen Schulart geplant worden usw.

Was man daraus schließen kann

Von den 42 Starterschulen des Schuljahres 2012/2013 sind nur 26 in ihrer Existenz auf Grund der Schülerzahlen gesichert, 16 aber gefährdet: Wenn die SchülerInnenzahl dieser 16 nur um wenige Anmeldungen zurück geht, werden sie geschlossen.
Wenn der Standort auf Grund der Schulplanung in der Region gesichert ist, dann besteht die Möglichkeit, dass die neue Gemeinschaftsschule zur Werkrealschule unter neuem Etikett wird. - Wenn sie das nicht will, dann muss sie sich im Wettstreit mit den anderen daneben existierenden Schularten profilieren. Gibt es in der Nähe ein G9-Gymnasium, hat sie wahrscheinlich besonders schlechte Karten...

Eine GMS braucht dehalb:
  • Das Angebot aller Schulabschlüsse inklusive Abitur, gegebenenfalls in enger Kooperation mit einem Gymnasium, wenn sie selber nicht genug SchülerInnen für eine eigene gymnasiale Oberstufe "produziert".
  • Förderung schwacher SchülerInnen, (damit sie nicht auf die Förderschulen abgeschult werden).
  • Förderung leistungsstarker SchülerInnen, damit die Schule auch die Kinder des Bildungs-Bürgertums anzieht.
  • Gutes tun und darüber reden, also ein attraktives Profil gegenüber konkurrierenden Schulen und Gymnasien - und das auch der Öffentlichkeit vermitteln. -
  • Dass man an einer GMS das Abitur in 9 Jahren statt in 8 Jahren ("G9" statt "G8") erreichen kann, hat z.B. eine sehr große Attraktion, wenn es in der Stadt keine G9-Gymansium gibt. 
Davon profitiert z.B. die Gemeinschaftsschule an der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen, die
  • a) eine gymnasiale Oberstufe im selben Haus hat und
  • b) keine G9-Konkurrenz in der Universitätsstadt. -So kann sie 4-zügig fahren (statt vorher 2-3 zügig als Realschule).
Aus eben diesem Grunde hat auch die Stadt Esslingen beschlossen, dass es kein G-9-Gymnasium in der Stadt geben soll. Wer das Abitur in Esslingen in 9 Jahren machen will, muss sein Kind auf eine GMS schicken.
  • Eine gute Kooperation mit anderen Bildungs-Anbietern in der Nähe (z.B. Volkshochschulen, Stadt-Bücherei, Sternwarte, Vereinen (z.B. Musik- und Sport-Vereinen) und auch: Jugendzentren, Jugendhilfe, Kirchen... - je nach der Situation vor Ort.
  • Ein besonderes Profil, z.B. Sport-Profil ("Jugend trainiert für Olympia"...), Kunst-Profil, Big Band, Posaunen-Chor, Orchester, "Schule ohne Rassismus- Schule mit Courage" ... .
Übrigens:
  • In der ersten Staffel (2012/2013) haben sich in BW 39 Hauptschulen/Werkrealschulen beworben und nur 2 Realschulen.
  • In der zweiten Staffel (2013/2014) 116 Haupt-/Werkrealschulen und nur 4 Realschulen.
  • Keine Gymnasien in beiden Staffeln.
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Bild-Quelle: Kultus-Portal BW



Donnerstag, 28. März 2013

Jedes Kind ist anders. Von Vielfalt, Diversity, Inklusion und Individualisierung



Jedes Kind ist anders.

"Die Einsicht, dass Menschen sehr verschieden sind, ist weit älter als 500 Jahre. Die Vielfalt hat wohl be­reits die griechischen Denker zum Grübeln gebracht. 


Dennoch sind wir immer noch nicht bereit zu akzeptieren, dass jedes Kind ein einzigartiges Wesen ist, und deshalb Normvorstellungen ihm weder in der Familie noch in der Schule gerecht werden können. -

Wenn Kinder auf die Welt kommen, sind sie bereits sehr verschieden. Einige haben ein Geburtsgewicht von weniger als 3, andere wiegen mehr als 4 Kilogramm. Sie unterscheiden sich voneinander in ihrem mimischen Ausdruck, beim Schreien und in ihrem Bewe­gungsverhalten. - Im Laufe der Entwicklung nehmen die Unterschiede zwischen den Kindern immer mehr zu. -
 

Es gibt kein Verhalten, das bei allen Kindern im selben Alter auftritt und gleich ausgeprägt wäre. Bis zur Oberstufe nehmen die Unterschiede zwischen den Kindern noch einmal deutlich zu.
Vielfalt kommt ausnahmslos bei allen Lebewesen vor, bei Einzellern und Bakterien genauso wie bei allen Pflanzen und Tieren. Ihr liegt ein allgemeines Prinzip der Biologie zugrunde. Vielfalt gibt es nicht nur unter den Kindern, sondern auch im Kind selbst. Eltern und Lehrer wundern sich immer wieder, wie unterschiedlich ausgeprägt einzel­ne Begabungen bei einem Kind sein können."


Remo Largo, Jg. 1943, Prof. em. für Kinderheilkunde, 3 Töchter, 4 Enkel.
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Der 7-g-Unterricht: 
Alle gleichaltrigen Schüler haben 
zum gleichen Zeitpunkt 
beim gleichen Lehrer 
im gleichen Raum 
mit den gleichen Mitteln 
das gleiche Ziel gleich gut zu erreichen.
(Hans Weigert, 1987)





Individualisierter Unterricht


Besteht nicht einfach nur in einem Methodenwechsel in den Hauptfächern, indem man in einer Klasse z.B. statt eines Mathebuchs sog. Lernpakete vorlegt, die Aufgaben auf verschiedenen Niveaustufen enthalten - auch wenn das schon ein Fortschritt sein kann. Denn individualisierter Unterricht kann nicht nur auf kognitiv-leistungsbezogene Heterogenität bezogen werden (siehe dazu weiter unten: Thorsten Bohl).


"Wenn man akzep­tiert, dass der individualisierte Unterricht nicht nur eine technische Modifikation darstellt, sondern eine kleine pädagogische Revolution bedeutet",  
(Remo Largo, 2012)


dann bedeutet "individualisiert unterrichten" mehr:
 

"Das Ziel einer kindgerechten Schule kann folgendermaßen charakterisiert werden:

  • Das Kind soll mit einem guten Selbstwertgefühl die Schule verlassen und ins Erwachsenenleben eintreten können. Denn nur mit einem guten Selbstwertgefühl wird es seine Zukunft auch mit Zuversicht in Angriff nehmen. Der junge Erwachsene soll die Oberzeugung haben: Ich schaffe es! Ich werde mich in dieser Gesellschaft behaupten!
  • Ein gutes Selbstwertgefühl hat ein Schüler dann, wenn die Schule für ihn eine positive Erfahrung war, das heißt, dass die schulischen Anforderungen für ihn mehrheitlich gut zu bewältigen und überwiegend mit Erfolg verbunden waren.
  • Zweitens soll der junge Erwachsene in der Schule alle wesentlichen Facetten seines Wesens entwickeln können, insbesondere seine Stärken, also die­ jenigen Fähigkeiten, auf denen er seine zukünftige Existenz aufbauen wird.
  • Er soll aber auch gelernt haben, mit seinen Schwächen umzugehen und diese als ein Teil seines Wesens zu akzeptieren.
(Remo Largo, 2012)
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Heterogenität, Vielfalt, Diversity, Differerence, Inklusion ...


 
Im 15. Kapitel dieses Buches (erschienen 2013) schreibt Prof. Bohl unter der Überschrift "Umgang mit Heterogenität im Unterricht":


Es geht "nicht nur um die Akzeptanz von Heterogenität, sondern um die aktive und bewusste Herstellung von Heterogenität, z. B. über schulsystemische oder schulor­ganisatorische Maßnahmen. [...]

Mindestens zwei Diskurslinien können unterschieden werden
 
1. soziokulturelle Heterogenität und 
2. leistungsbezogene Heterogenität. 
Der Diskurs verläuft dabei zumeist als Abweichung von einer (unklaren, verdeck­ten) Norm, in der »der Andere« als der Leistungsschwache oder der Migrant be­zeichnet wird. Soziokulturelle Heterogenität wird insbesondere mit den Differenzkategorien 
  • Gender, 
  • Ethnizität, 
  • Milieu 
  • und So­zialschicht diskutiert. 

[...] Der Anspruch des Umgangs mit Heterogenität innerhalb der Schule wird jedoch nicht nur von außen an die Schule herangetragen, etwa über die Einführung einer neuen Schulart wie die Gemeinschaftsschule, sondern wird auch innerhalb der Schule aufgrund bestimmter Handlungspraktiken aktiv erzeugt. Differenzlinien mit Blick auf Migration, Gender oder Leistungen werden innerhalb der Schule aktiv hergestellt oder verstärkt. Dies geschieht z. B. über geschlechts­spezifisches Aufrufverhalten, über Dramatisierung vs. Entdrama­tisierung von Geschlecht und Ethnie durch Lehrkräfte oder über Mechanismen institutioneller Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen aus bildungsfemen Familien und mit Migrationshintergrund. [...]" -  
Thorsten Bohl, 2013, S. 243 f
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Ein Beispiel aus England zum Thema soziokulturelle Heterogenität/ Gender





Die Autoin, Lisa Green, ist Engländerin - daher das manchmal etwas holprige Deutsch. Ich habe es der Authentizität des Textes wegen so belassen.

"Ich hatte am vergangenen Freitag, 22.3.13 , einen Treffen mit dem 'Education officer' von Stonewall in London. Stonewall ist ein englische Org, die anhand viele Kampaigne u.a. auch in Schulen, um gegen Homophobie und für Vielfalt zu werben - sie haben 2 Büros mit 45 bezahlte Angestellte!

Sie haben uns bei unserem Meeting ihre Strategie und Materialien offengelegt. Die Materialien von ihnen sind super und gehen, z.B. auch auf die gängige Widerstände aus SIcht der Schulen und LehrerInnen ein.

Ihre Strategie ist eindeutig 'top-down': 

Verankerung von Arbeit in Bezug auf "Diversity" in Gesetz und in Schul- Curriculum. Staatsangegliederte "Inspektoren" überprüfen/inspizieren die Schulen in Bezug auf verschiedenen Punkten, u.a. 'Diversity' (Vielfalt) in regelmäßige Abständen. Stonewall bietet die Materialien, die Teacher-trainings, um Schulen bei der Bewältigung der Aufgaben zu unterstutzen. Die Motivation der Schulen liegt in dem Bestehen der Überprüfung und das Streben nach einer guten Ranking.
 

Die Erstellung der Materialen erfolgten nach Forschung zu den Bedürfnissen der Betroffenen, die Universitäten oder Meinungsumfragen-Institutionen im Auftrag von Stonewall erhoben haben. Aufgrund der Ergebnissen werden die Materialien entwickelt. Es gibt bisher 3 Berichte: eins zu lgbt (lesbian, gay, bisexual, transgender) Jugendliche, eins zu LehrerInnen, eins zu Kinder aus Regenbogenfamilien.

Die Ausgangslage von Stonewall ist etwas anders, wie bei uns: sie wollen 'homophobic bullying', homophobes Mobbing,  von lgbt-Jugendlichen unterbinden. Dabei geht es ins gesamt um der Umgang mit Unterschiedlichkeit. 

Sie fingen in weiterführenden Schulen an und arbeiteten sich nach und nach unten in die Grundschulen. Die Widerstand in der Grundschule hing mit der Frage zusammen, was 'sex' und 'adult lifestyles' mit Grundschule-Kinder zu tun hat? Unser Ausgangslage ist anders, durch das Vorpreschen der Regenbogenfamilien wollen wir das Thema lgbt in Grundschulen und nach und nach in weiterführenden Schulen anbringen.

Dieses Thema ist für Regenbogenfamilien sehr wichtig. Inzwischen sind die meisten Kindern aus den ersten Wellen der Regenbogenfamilien Baby-boom in BRD in der Schule angekommen. Bislang hat jede Familie eine private, 'bottom-up' Strategie verfolgt: man redet mit den LehrerInnen, ist aktiv und präsent in Schule als ElternsprecherIn, es gibt mein Info-blatt und Kinderbuch zur Aufklärung...evtl. gibt es Sachen, wovon ich nicht weiß. Dabei bleibt das Thema an der jeweilige Familie und betroffenen Kind hängen.

Da einige Kinder diesen fokusierten Aufmerksamkeit nicht mögen oder nicht alle LehrerIn dafür zu gewinnen sind, wäre für alle besser, wenn auch wir [in Deutschland] einen top-down Strategie hätten. Unser Schule & Homosexualität Projekt [des LSVD] strebt eben das an, wenn ich alles richtig verstanden habe. Was ich aus den Mails gelesen habe, sind bereits Vorstosse von unsere Seite da, über das Kultusministerium das Thema unter 'Vielfalt' im Schul-Curriculum zu verankern. In England war das, das "a und o". Die Motivation der Schulen sich tatsächlich (auch noch) damit zu befassen liegt an die Inspektionen, die die Umsetzung in Schulen überprüfen.

Das sind evtl. sinvolle Ansätze, die man auf Ba-Wü übertragen könnte?"


Informationen zu den Aufklärungsmaterial, die ich entwickelt habe, die für Euch evtl. hilfreich oder interessant sind:
1. Infoblatt für ErzieherInnen und LehrerInnen
2. Kinderbuch "Die Geschichte unserer Familie" von Lisa Green und Petra Thorn



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