bildungsblog72

Über Schule, Bildung und Lernen im 21. Jahrhundert nebst aktuell gültiger Irrtümer.

Samstag, 5. Juli 2014

... in einem alten Arbeiterbezirk im Nordwesten Berlins aufgewachsen. Lerncoaching.

Er ist in einem alten Arbeiterbezirk im Nordwesten Berlins aufgewachsen. 

Als er dort die Grundschule besuchte, waren fast alle Kinder wie er ausländischer Herkunft. "Da war die halbe Welt", sagt er. Damals wandelte sich der Bezirk langsam zu einem Problemkiez: Die Industrie wanderte ab, viele der ehemaligen "Gastarbeiter", die dort wohnten, wurden arbeitslos, und in die billigen Altbauten im Kiez zogen immer mehr Flüchtlinge aus dem Libanon ein. Sechs vom Bürgerkrieg traumatisierte Kinder kamen damals auch in seine Klasse, sagt Nizar Rokbani: "Die waren wie unter Strom." Aber seine Lehrer meinten nur, er sei "doch auch Araber", und setzen sie zusammen.

Was hätte der moderne Lerncoach getan? ......................................................

Manche dieser ehemaligen Mitschüler sind mittlerweile tot - durch Heroin, das sie erst verkauft und dann selbst genommen haben. Auch sein jüngerer Bruder geriet in diese Kreise, inzwischen ist er clean. Er selber hielt sich zwar von den Drogen fern, aber ein guter Schüler war er trotzdem nicht: "Ich konnte bis zur vierten Klasse meinen Nachnamen nicht schreiben, ich war mehr so der Klassenclown", sagt er.

Was hätte der moderne Lerncoach geraten? ................................................

"Aber in der Schule war es immer noch besser als zu Hause." 
Denn zu Hause führte der Vater ein patriarchales Regiment, und es setzte öfters mal auf Prügel. Zum Glück war da noch seine Mutter, die dem Jungen mit ihrem Fleiß ein Vorbild war. Sie stellte sich auch quer, als er nach der zehnten Klasse die Schule mit einem Realschulabschluss verlassen wollte. "Gefühlt etwa tausend Bewerbungen" hatte er da geschrieben, erzählt er, und mit Glück und Mühe einen Ausbildungsplatz bei einem Glühbirnenkonzern ergattert. Doch als er ihr voller Stolz seinen Ausbildungsvertrag zeigte, riss seine Mutter diesen kurzerhand in Stücke. "Dafür bin ich nicht nach Deutschland gekommen", lautete ihr knapper Kommentar.

Was hätte der moderne Lerncoach geraten? ......................................................

Die Mutter bestand darauf, dass ihr Sohn zumindest das Abitur machen sollte. Letztlich hat er ihr sogar seine Berufswahl zu verdanken, denn schon als Schüler half er ihr dabei, Hotelzimmer und Toiletten zu putzen. "So bin ich zur Hotellerie gekommen", sagt der Junge heute. "Eine klassische Hotelausbildung habe ich nie gemacht."
Später jobbte er neben dem Studium an der Rezeption eines kleinen Hotels, und nach seinem Abschluss eröffnete er 1998 mit einem Geschäftspartner in Berlin-Schöneberg sein erstes Studentenhotel.

Zwei Lehrer waren in seinem Leben besonders wichtig. 
  • Der eine sorgte dafür, dass das Kind tunesischer Gastarbeiter trotz Hauptschulempfehlung auf ein Wirtschaftsgymnasium wechseln konnte. 
  • Der andere brachte ihm in der neunten Klasse den Wirtschaftsteil der Zeitung mit und forderte ihn auf, bis zum Ende des Schuljahrs das Wirtschaftsjahr zu bilanzieren. 
"Das hat meinen Ehrgeiz geweckt", ist der 42-jährige Unternehmer bis heute überzeugt. Der Ehrgeiz hat Nizar Rokbani weit gebracht: Nach seinem Studium gründete er mit einem Geschäftspartner die Budget-Hotel-Kette Meininger, die europaweit expandierte und zuletzt über 250 Millionen Euro Umsatz machte.
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Der ganze Text  stammt von Daniel Brax, der das Porträt erstellte,  und stand in der taz vom 3.7.2014; dort können Sie die Geschichte nachlesen.

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Mittwoch, 18. Juni 2014

Wachsende AbiturientInnen-Zahl und AkademikerInnen-Schwemme. Der Bildungsbericht 2014 und die TaxifahrerInnen.



Quelle: 5. Bildungsbericht 2014 S. 99
  • "Während die Zahl der Neuzugänge zur dualen Berufsausbildung seit längerem rückläufig ist [blaue Linie] ,
  • verzeichnen die Studienanfängerzahlen [rote Linie] einen kontinuierlichen Anstieg.
2011 haben sich die Anfängerzahlen in diesen beiden großen Berufsbildungsbereichen mit jeweils ca. 500.000 Personen erstmalig in der Bildungsgeschichte Deutschlands angeglichen. Nunmehr ist eine
leicht höhere Zahl bei den Studienanfängerinnen und -anfängern zu verzeichnen." 
(5. Bildungsbericht 2014, Seite 6)
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Wird es bald wieder die berühmten taxifahrenden Germanistinnen und Germanisten geben?
  • Die OECD sagt: Es gibt noch lange nicht genug AbiturientInnen in Deutschland. Sie möchte, dass 70% eines Jahrgangs Abitur machen.
  • Für den Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin sind die jetzigen 55% die Obergrenze: Deutlich mehr als 30% eines Jahrgangs sollten eine Berufs-Ausbildung machen. Wenn in Deutschland 55% eines Jahrgangs Abitur oder Fach-Abitur machen, dann sei das genug, über 70% AkademikerInnen führe zur De-Industrialisierung Deutschlands. - 
  • Und  Frau Prof. Dr. Elsbeth Stern, Psychologin und Professorin an der Eidgenössischen Technischen Hochschle (ETH) Zürich, spricht von 20-25% eines Jahrgangs, die Abi machen dürfen sollten - und damit müsse es dann auch genug sein. - (Siehe: Abitur für alle? Von Gentry, Literaten, Konfuzius und der OECD) 
  • Wer bietet weniger ? ;-) __________________________________________

Ansonsten:
Judith Wüllerich,
Bundesagentur für Arbeit
  • Die Zukunftsaussichten der GermanistInnen
    sind traumhaft. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen liegt im Promillebereich. Es sei zu beobachten, dass Geisteswissenschaftler in den unterschiedlichsten Wirtschaftsbereichen zunehmend geschätzt werden, meint Arbeitsmarktexpertin Judith Wüllerich.
  • Die FAZ meldete,
    dass bei wachsender Abiturientenzahl die Noten immer besser werden, und verband die Nachricht mit einer Inflationswarnung:
    "Super Abi, aber nichts dahinter. Sie haben bessere Noten - wissen aber weniger. Deutsche Abiturienten machen zwar häufiger ihren Abschluss mit 1,0. Aber einer noch unveröffentlichten Studie zufolge bekommen heute auch diejenigen einen Studienplatz, die dafür 2003 noch zu schlecht gewesen wären." 
  • Besser werden die Noten tatsächlich.
    Berlins Abiturienten steigerten sich zwischen 2006 und 2012 im Mittel von einer Zwei minus (2,68) auf eine glatte Zwei (2,4). Die Quote der Durchgefallenen hat sich dort halbiert. Die gleiche Entwicklung ist im Studium zu beobachten: Der Wissenschaftsrat beklagte bereits vor zwei Jahren, dass es in manchen Fächern nur noch Einser-Studenten gebe.

  • Vehement widersprechen die Sachsen,
    die für die Matheaufgaben seit der Einführung des Zentralabiturs in einigen Bundesländern die Feder führten. Ja, im Vorfeld habe es Warnungen gegeben, dass der Anspruch sinke, bestätigt der Sprecher von Kultusministerin Brunhild Kurth (parteilos). „Die Probeklausuren vom Herbst bestätigen dies allerdings überhaupt nicht. Im Gegenteil: Hier fiel es auch Schülern aus Bayern zum Teil schwer, die Anforderungen zu erfüllen.“
  • „Wir sehen Zuwächse in Lesen, in Mathe und in Naturwissenschaften“,
    sagt Dirk Richter, Wissenschaftler am Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Das IQB, wie es abgekürzt heißt, erstellte im Auftrag der Kultusministerkonferenz Bildungsstandards für alle Schulen und testet seit 2009, ob diese erfüllt werden. Die Testergebnisse zeigen u.a.: „Die Leistungen am Gymnasium sind konstant, und das trotz größerer Heterogenität und sozialer Vielfalt“, so Richter.
    Allerdings: Getestet wird nur in der Mittelstufe. Für die Sekundarstufe II gibt es zwar Bildungsstandards, überprüft werden diese aber auf Wunsch der Kultusminister nicht. [Quelle]


    Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm ist überzeugt:
    "Wenn wir mehr Gruppen in die Hochschulen lassen, sinkt nicht das Niveau, sondern das System wird gerechter.“
    Klemm vergleicht die heutige Bildungsexpansion mit den 50er und 60er Jahren. Damals drängte eine neue Gruppe an die Gymnasien und von dort aus an die Hochschulen: die Mädchen. - Sie wurden zuvor an die Mittel- oder Volksschule geschickt, während die Jungen ans Gymnasium durften. Inzwischen erwerben mehr junge Frauen einen Hochschulabschluss als junge Männer.

    Ähnliche Ängste kommen hoch, wenn die Arbeiterkinder und die Kinder von Einwanderern vermehrt neben den Zöglingen der Bildungsbürger in den Hörsälen Platz nehmen. „Es ist verwegen zu behaupten, dass das Niveau sinkt, wenn sich die Hochschulen für zusätzliche Gruppen öffnen“, meint Klemm.
    Und: „Es hat keinen Sinn, das duale System gegen das Studium auszuspielen. Der Skandal ist doch, dass wir eine Viertelmillion Jugendliche gar nicht ausbilden.“
»Laut aktuellem Bildungsbericht ist die Gruppe jener Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz finden und nach der Schule im Übergangssystem landen, zwar gesunken. Doch 250.000 Jugendliche finden nach der Schule keinen Ausbildungsplatz und machen erst mal eine Maßnahme. Im Bildungsbericht warnen die Wissenschaftler davor, „dass hier Arbeitskräftepotenziale bereits frühzeitig verloren gehen, die angesichts der demografischen Entwicklung bald dringend gebraucht werden“. « [Quelle]

Klaus Klemm, Jg. 1942

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Samstag, 14. Juni 2014

Wenn die Schnösel von McKinsey in die Schulen kommen ... - Lehrer haben keine Eier.

kann eigentlich nichts Gutes dabei rauskommen.

Aber fangen wir mal vorne an.
Die Süddeutsche Zeitung schrieb in diesen Tagen:
An diesem Mittwoch (28.5.2014) stellt der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft seinen Hochschulreport vor, mit Schwerpunkt Lehramt. Kernstück ist eine repräsentative Umfrage unter Abiturienten, sie liegt der Süddeutschen Zeitung vor. 
"Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft"! Das hört sich seriös an, wissenschaftlich und solide.
Was die Süddeutsche nicht erwähnt, aber z.B. bei Spiegel-Online nachzulesen ist: An der Befragung, die der Stifterverband durchgeführt hat, war auch die Unternehmensberatung McKinsey beteiligt.

Der Stifterverband
"ist einer der wichtigsten Geldgeber der Wissenschaft: Er sammelt bei Konzernen, Firmen und Einzelspendern Millionen ein und finanziert damit zum Beispiel Stiftungsprofessuren, schreibt Preise aus, fördert Institute und Forschungsprojekte.  [...] Schon der erste Bericht im vergangenen Jahr war ein bildungspolitischer Rundumschlag mit den Mitteln der Unternehmensberatung."
(Spiegel-Online)


Die jährlich erscheinenden "Hochschulbildungsberichte" des Stifterverbandes sind Studien, die feststellen, was aus Sicht der Unternehmen (!) schiefläuft im Bildungssystem.

Und McKinsey? 
Schlagen wir mal einfach im Volks-Lexikon nach:
McKinsey wird oft als Prototyp der am Shareholder Value orientierten Unternehmensberatungen gesehen. Um den Marktwert eines Unternehmens zu erhöhen, werden oft umfangreiche Umstrukturierungen durchgeführt, wobei Entlassungen die Regel seien. ... Beispielsweise warf der Betriebsrat der Berliner Klinikgesellschaft Vivantes McKinsey 2006 vor, abstruse Vorschläge gemacht zu haben. So seien die Abschaffung des Pförtners, die Ausdünnung der Rettungsstelle und die Reduzierung der Reinigung vorgeschlagen worden. ... In einer drastischen Form kritisierte der Dramatiker Rolf Hochhuth 2004 McKinsey in seinem Theaterstück „McKinsey kommt“. [wikipedia]

Egal wo McKinsey erscheint, 
sein Ziel und seine Methoden sind stets die gleichen. Das Ziel: Die Profite des Auftraggebers zu maximieren. Das Mittel: Sozialabbau, Personal einsparen, Löhne senken, sparen bei den Angestellten...

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Nun sind Schulen, zumindest die meisten, (noch) keine profitorientierten Unternehmen, auch wenn es natürlich Schulen gibt, die profitorientiert und als Aktiengesellschaften arbeiten, (z.B. die Lernhäuser von Peter Fratton, der auch in Baden Württemberg kurze Zeit sehr gefragt war).
  • Siehe dazu auch: Das Lernhaus als Moneyhouse. 
Was kam nun bei der gemeinsamen Befragung heraus?
  • Für die besten Schüler erscheint der Lehrer-Beruf kaum erstrebenswert.
  • Vor allem gute Schüler zieht es ganz woanders hin.
  • Der Beruf kommt bei jungen Leuten nicht so gut weg, vor allem nicht bei den besten.
  • Nicht die Abiturienten mit Top-Noten, sondern die eher mittelmäßigen wollen Lehrer werden.
  • 38 Prozent der Abiturienten mit Einser-Schnitt oder glatter Zwei können sich theoretisch vorstellen, Lehrer zu werden. -
    Bei denjenigen mit mäßigeren Noten - 2,1 bis 4,0 - ist der Beruf für fast die Hälfte denkbar. - Nur ein Viertel des Jahrgangs glaubt, dass der Lehrerberuf etwas für sehr gute Schüler sei.
  • 94 Prozent aller Befragten erwarten, dass ihr Beruf Spaß macht; lediglich 59 Prozent denken, dass das für Lehrer zutrifft. 
  • Ähnliches gilt bei der Gehaltsfrage. Für 83 Prozent muss ihr Traumjob Aufstiegschancen bieten, aber nur 28 Prozent denken dabei an Lehrer.
    Unter den Besten bezweifeln noch mehr, dass der Beruf Geld und Aufstieg bietet.
    30 Prozent von denen, die am Lehrerberuf interessiert sind, halten sich für zielstrebig, noch weniger für selbstbewusst. Bei Klassenkameraden ohne Lust aufs Lehramt sind die Werte höher. 
  • Immerhin erkennen potenzielle Pädagogen bei sich Freude am Umgang mit Kindern und Einfühlungsvermögen. 
  • Fitte und leistungsstarke Abiturienten können sich kaum vorstellen, Lehrer zu werden. 
  • Attraktiv scheint der Beruf für Schüler mit wenig Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft.
  • Meist ahnt man ja die Pädagogenkarriere nicht unbedingt für die beliebtesten Mitschüler voraus.
 (Zitate: Südeutsche Zeitung, Focus-Online, Spiegel-Online)

Also:
LehrerIn werden die, die schon als SchülerIn wenig beliebt waren, die wenig Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft haben, die an Geld und Aufstieg nicht so interessiert sind (weil sie dafür wahrscheinlich sowieso zu dumm sind), die wenig zielstrebig sind und nicht wissen, was sie wollen, die also deshalb einen Beruf wählen müssen, der wenig Spaß verspricht, nicht übermäßig viel Geld bringt, kaum Aufstieg ermöglicht, aber - wohl unverdienter Maßen - einen sicheren Job, während die guten SchülerInnen, die durchsetzungsfähig und leistungsstark sind ....

Immerhin, die Lehrernnen in spe haben Freude am Umgang mit Kindern und Einfühlungsvermögen,
  • sie sind also wohl doch eher Mädchen und nicht so richtige richtige Kerle -
    (wie die bei McKinsey).
Ex-Bundeskanzler Schröder würde noch ergänzen: Und faule Säcke sind sie auch.


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Und was wollen uns Sifterverband und McKinsey damit sagen?


"Die Autoren sammeln Daten anderer Berichte und Statistiken und werten sie aus, um auf mehreren "Handlungsfeldern" zu Ergebnissen zu kommen - und die sind durchwachsen." (Spiegel-Online)
Schauen Sie doch selber mal nach:
  • http://www.stifterverband.info/
  • http://www.mckinsey.de/hochschul-bildungs-report-schlechte-noten-fuer-deutsche-lehrer-bildung 
  • http://www.hochschulbildungsreport2020.de/
Muss ja nicht alles falsch sein... 


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Sicher ist:
  • Der Reallohn der LehrerInnen sinkt seit 20 Jahren: In den letzten 20 Jahren haben Lehrer/innen beim Reallohn mehr als 20% eingebüßt.
  • Der Pensionsverlust bei LehrerInnen in den letzten 10 Jahren liegt bei etwa 10% ( z.B. durch Änderung des Ruhegehaltsatzes und Streichung von Sonderzuwendungen, "Weihnachtsgeld").
  • Immer weniger Männer wollen Lehrer werden, denn Lehrer in Deutschland verdienen nicht schlecht, aber wer eine Familie ernähren will und Physik oder Chemie studiert hat, wird  - vielleicht - in der privaten Wirtschaft ein besseres Plätzchen finden.
  •  ...

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Montag, 9. Juni 2014

Förden, fordern, zu Tode fördern und Donald Duck


Der Künstler Gottfried Helwein (Jg. 1948) ist eine interessante und eine schillernde Persönlichkeit. In den 1970er Jahren hielt man ihn für wahnsinnig (damit ist er in guter Gesellschaft), und Scientology warb in den 1990er Jahren mit seinem Konterfei. - Die Direktorin des Museum of Modern Art Linz, Stella Rollig, sagte über ihn: „Wenn man in der österreichischen bildenden Kunst der letzten fünfzig Jahre jemanden als Star bezeichnen möchte, dann kommt, unter Berücksichtigung aller Kennzeichen, nur einer in Betracht: Gottfried Helnwein.“

 Über Schule sagt Helnwein:
„Von Donald Duck habe ich mehr gelernt als von allen Schulen, in denen ich war.“ 
Helnwein, Donald Duck, 1984

Eltern haben Angst, dass ihre Kinder nicht gefördert werden …
Helnwein:
«Ein Kind denkt immer kreativ, kreiert und imaginiert sich die Welt um sich herum nach eigener Lust und Laune - ein Zustand, der dem Künstlersein sehr nahe kommt. Das hat schon Picasso gesagt: "Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben." Die meisten Erziehungssysteme sind darauf ausgerichtet, das Kindsein zu brechen und einen Erwachsenen zu formen, der sich als Stahlarbeiter, Rennfahrer, Soldat, Politiker oder Anwalt verwenden lässt. Ein Kind würde solchen Unsinn nicht machen. Und die, die daraus halbwegs unbeschadet herauskommen, sind die Künstler.
… früher dachte man: Du musst Kinder schlagen, andernfalls kommen sie auf die schiefe Bahn. Man musste das Schlechte herausprügeln. Heute will man sie zu Tode fördern, beeinflussen und psychologisieren. Der Musiker Captain Beefheart hat mal einen guten Satz gesagt: "Meine Eltern haben mich leider nicht genug vernachlässigt."» (Quelle)
Da deckt sich Helnweins Ansicht wohl mit der Lebensweisheit der Schwarzwälder Großmutter, die zu sagen pflegte:
«Vor lauter Lieb' verreckt man schier.»

Helnwein, Die Erbsünde, 1987
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Freitag, 30. Mai 2014

Abitur für alle? Von Gentry, Literaten, Konfuzius und der OECD


Abitur für alle?

Kaija Kutter:
Im Vergleich zu 2001 machen heute auch viel mehr Schüler das Abitur. Da wird allerdings schon wieder die Sorge laut, dass das Abitur bald nichts mehr wert sein könnte.
 Andreas Schleicher: 
Wenn die Leute sagen, das Abi ist weniger wert, weil es mehr Menschen machen, liegt dem die Vorstellung zugrunde, bei Bildung gehe es um Selektion. Vor 100 Jahren hätte man wahrscheinlich diskutiert, ob alle Kinder zur Grundschule müssen oder ob nicht die Hälfte reicht. Dabei gibt es Länder, in denen auch Schüler ohne Abi im Schnitt so gut abschneiden wie in Deutschland die Abiturienten. Für die Behauptung, dass Abitur verliere an Wert, gibt es jedenfalls keinen empirischen Beweis.
Quelle

Warum die OECD und Andreas Schleicher möchten, dass möglicht viele Menschen Abitur machen und danach studieren, warum sie möchten, dass auch in Deutschland die Abitur-Quote noch weiter gesteigert wird, ist in diesem BLOG und anderswo schon öfter besprochen worden.
Zum Beispiel > hier und >hier und > hier.

Andreas Schleicher sagt: "Wenn die Leute sagen, das Abi ist weniger wert, weil es mehr Menschen machen, liegt dem die Vorstellung zugrunde, bei Bildung gehe es um Selektion". Die Vorstellung ist bei diesen Menschen: Nicht jede/r darf auf das Gymnasium. Nach Klasse 4 muss deshalb eine Selektion erfolgen, damit nicht Hans und Franz aus das Gymnasium gehen.

Prof. Elsbeth Stern
Die GymnasiallehrerInnen bereiten dann diese möglichst kleine Schar der GymnasiastInnen - (Prof. Dr. Elsbeth Stern, Psychologin und Professorin an der Eidgenössischen Technischen Hochschle (ETH) Zürich, spricht meistens von 20-25% eines Jahrgangs) - auf das Abitur vor. Und von jenen, die das Ziel Abitur erreicht haben, darf dann wiederum nur ein Teil, die Bildungs-Elite, auf die Universität gehen und studieren. -


Das ist EIN denkbares Modell -  zumindest mal gewesen. Inzwischen funktioniert es - aus verschiedenen Gründen - so kaum noch. Und viele Menschen sind der Meinung: So soll es auch nicht wieder funktionieren.
Höre auch: Ist das Turbo-Abitur gescheitert? mit Elsbeth Stern u.a..
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Noch strenger als Frau Stern  ...
... waren die alten Chinesen. Was im o.g. Modell die Bildungs-Elite ist, war im kaiserlichen China über 1000 Jahre lang die Gentry (shenshi): Vom 7. bis Anfang des 20. Jahrunderts. Durch das System der chinesischen Beamten-Prüfungen (kējǔ)  - an denen übrigens jedermann teilnehmen konnte! - wurden die Kandidaten für die öffentlichen Ämter ausgewählt. Diese Prüfungen waren DER Weg zum sozialen Aufstieg im kaiserlichen Land der Mitte. Das etwa eine Prozent der Bevölkerung, das alle drei Staatsexamina  - (Präfektur-, Provinz- und Palastprüfung) - bestanden hatte, konnte so in die Bildungs-Elite aufsteigen.
Auch damals bekam nicht jeder, der alle drei Staatsprüfungen abgelegt hatte, einen der attraktiven Jobs im Staatsdienst in der Hauptstadt. Der Rest der Gentry ging zurück in die Heimatorte, wo er dann als Scharnier zwischen der Bevölkerung und der kaiserlichen Regierung diente und sich um die lokalen Angelegenheiten kümmerte wie z.B. die Schiedsgerichtsbarkeit, die Bewässerung, die Einhaltung der konfuzianischen Rituale im Tempel ...
Dieses Prüfungssystem wurde erst 1905, kurz vor dem Ende des Kaiserreichs, abgeschafft. 

Erste Rettungsmaßnahme: Reform des Bildungssystems
Pun Yi -
Der letzte Kaiser der Qin

1300 Jahre lang waren die Staatsprüfungen der Weg zu Einfluss und Wohlstand, zu Macht und gesichertem Einkommen. Im 19 Jahrhundert stellte man plötzlich schmerzhaft fest, dass dieses Bildungs-System international nicht mehr konkurrenzfähig war:

China war immer der Lehrmeister Japans gewesen, aber 1895 wurde China plötzlich von Japan militärisch besiegt. 10 Jahre später, 1905, besiegte Japan in der Seeschlacht von Tsushima sogar das russische Kaiserreich: Die gelbe Rasse besiegte - bis dahin unvorstellbar - erstmals die weiße Rasse.  Japan war besser organisiert, hatte die besseren Schlachtschiffe und die bessere Technologie. China dagegen hatte unter seiner letzten Dynastie der Qing die Entwicklung verschlafen, es hatte sich auf seinen Erfolgen ausgeruht, der Riese war eingeschlafen und eingebildet. ("Einbildung ist auch eine Bildung" pflegte meine Oma zu sagen.) China, "der schlafende Riese" (Napoleon),  war in die Hände der japanischen und europäischen Aggressoren geraten, Japan dagegen war zusammen mit Deutschland, Frankreich, England und anderen Mächten selber eine imperialistische Macht geworden, zur gelben Gefahr. Manche Chinesen entwickelten eine Hass-Liebe zu Japan: Warum ist China so zurückgeblieben im Vergleich zu dem virbrierenden und sich wandelnden Japan? Anfang des 20. Jahrhunderts strömten 13.000 junge Chinesen auf  Colleges und Militär-Akademien nach Japan. Dort in Tokio bildeten sie unter Sun Yat-sen im Jahre 1905 ihre erste revolutionäre Allianz gegen den chinesischen Kaiserhof und für die Befreiung Chinas von den auslänischen Aggressoren.

Sun Yat-sen
China war zu einem halbkolonialen ausgebeuteten Riesen geworden und wachte nun langsam auf. 
Neue "Eliten" waren nicht mehr bereit, sich der alten kaiserlichen Elite unterzuordnen, die versagt und geschlafen hatte. Durch Handel zu Wohlstand gekommene Kaufleute, ein neues Offizierkorps, die Gentry auf dem Lande und zahlreiche aus dem Ausland zurück gekehrte gebildete Studenten verbündeten sich und wagten Aufstände gegen den Kaiserhof und die eingedrungenen  "gelben und weißenTeufel".
Bis 1908 lebte und regierte noch die die Kaiser-Witwe Cixi. Im Angesicht der Möglichkeit, dass dem Kaiserhof mitsamt China die Auslöschung drohte, war ihre erste Rettungsmaßnahme: Eine Bildungsreform. Der Hof verordnete die Einrichtung eines modernen Schul-Systems. "Die 1905 beschlossene Abschaffung der Staatprüfungen war der revolutionärste Akt in der Geschichte Chinas des 20. Jahrhunderts", so der US-amerikanische Hostoriker Prof. Keith Schoppa.   -  Für den Kaiserhof selber kam der Rettungversuch allerdings zu spät ...

Nach der erfolgreichen Revolution des Jahres 1911 wählten die rebellierenden Chinesen  den im westlichen Ausland zur Schule gegangenen und christlich getauften chinesischen Arzt Sun Yat-sen zum ersten Präsidenten des neuen nachkaiserlichen China .  Er hatte seine schulische Laufbahn mit 13 Jahren im Westen fortgesetzt, in christlichen Missionsschulen in Honolulu auf Hawai, weil es dort nach Ansicht seines älteren Bruders - ein wohlhabender chinesischer Kaufmann aus Chinatown Hawai - die beste Ausbildung gab, die man zu der Zeit einkaufen konnte.  (Zuletzt war Sun übrigens auf dem Punahou-College, derselben Schule, auf der auch US-Präsident Barack Obama Schüler gewesen ist. ... )


Und was sagt uns das?
  • So kann`s gehen, wenn man glaubt, man habe das beste Bildungssystem der Welt, man sei immer noch "Das Reich der Mitte" und wenn man den Lauf der Dinge verschläft.
  • Und wie ist das jetzt mit PISA, dem Gymnasium, der deutschen Bildung, dem europäischen Reich der Mitte und so? _____________________________
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Dienstag, 13. Mai 2014

Widerstand gegen PISA


Prof. Krautz von der Bergischen Universität Wuppertal schreibt:

"Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

manche von Ihnen haben vielleicht schon davon gehört, aber ich möchte nicht verpassen, Sie auf diese wichtige Initiative hinzuweisen:
Endlich vernetzt sich der Widerstand gegen das Bildungsdiktat, das die OECD mit PISA ausübt, auch international. Der Kollege Heinz-Dieter Meyer, der in New York lehrt, hat einen offenen Brief an PISA-Chef Andreas Schleicher formuliert, der die verheerenden Folgen benennt, die notwendigen kritischen Fragen stellt und Vorschläge zur Besserung macht. Als Erstunterzeichner haben über hundert Wissenschaftler, Pädagogen und Elternvertreter aus diversen Ländern unterschrieben."
Seit Anfang Mai 2014 kursiert dieser Brief im Internet. Verfasst wurde er vom New Yorker Bildungsforscher an der UNIVERSITY AT ALBANY - State University of New York mit dem schönen deutschen Namen Heinz-Dieter Meyer sowie von Dr. Katie Zahedi, Schulleiterin der Linden Avenue Middle School in Redhook, NY. 

Unterzeichnet wurde der Brief in den USA u.a. auch vom legendären Noam Chomsky (Jg. 1928), in Deutschland u.a. von Heinz-Peter - auch ein schöner deutscher Name - Meidinger, dem Vorsitzenden des Philologenverbandes, und von Jürgen Böhm, dem Chef des Verbandes Deutscher Realschullehrer - die sich sonst gerne mal gegen Gemeinschaftsschulen und Gesamtschulen äußern. Aber auch vom Soziologen Richard Münch (Jg. 1945), der andernorts den Akademischen Kapitalismus beklagt. Nicht unterschrieben hat die GEW, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die sich aber an anderer Stelle zum PISA-Hype geäußert hat.

Die autorisierte deutsche Fassung des Meyer-Zahedi-Briefes beginnt so: 
Heinz-Dieter Meyer
» Sehr geehrter Herr Dr. Schleicher,
wir wenden uns an Sie in Ihrer Funktion als verantwortlicher Direktor der OECD für das „ Programme of International Student Assessment“ (PISA). Im dreizehnten Jahr nach seiner Einführung ist PISA heute weltweit als Instrument bekannt, um Ranglisten von OECD-Mitgliedsländern und Nicht-OECDStaaten (mehr als 60 in der letzten Zählung) zu erstellen und zwar aufgrund der Bewertung von Testleistungen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. ... 
Katie Zahedi
PISA hat die Bildungspraxis in vielen Ländern inzwischen tiefgreifend beeinflusst. Als Folge der PISA-Tests reformieren Staaten ihre Bildungssysteme in der Hoffnung, ihr Abschneiden im PISA-Ranking zu verbessern. In vielen Ländern führte der mangelnde Fortschritt bei den PISA-Tests dazu, eine „Bildungskatastrophe“ oder einen „PISA-Schock“ auszurufen, gefolgt von Rücktrittsforde rungen und weitreichenden Reformen gemäß PISA-Maßstäben. 
Wir sind offen gestanden tief besorgt über die negativen Folgen der PISA-Rankings. Nachfolgend einige unserer Bedenken: ... «

  • Den englischen Original-Text können Sie > hier nachlesen oder auch > hier. 
  • Eine Antwort  der OECD finden Sie > hier.
  • Ein Interview in deutscher Sprache dazu mit PISA-Koordinator Andreas Schleicher > hier.

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Siehe auch: 
  • Ist Pisa dumm ? 
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Andreas Schleicher (Jg. 1964):
"Schüler, die die bei Pisa geforderten Kompetenzen nicht beherrschen, haben im Sozial- und Arbeitsleben wenig Chancen". (Quelle)
Über Jón Gnarr, Jg. 1967, Bürgermeister von Reykjavik, der Hauptstadt Islands, seit 2010:
Jón Gnarr (Quelle: wikipedia)
"In der Schule fiel Gnarr von Anfang an durch. Die Ärzte deklarierten ihn als zurückgeblieben: Er war klein, schmal, hatte ADHS und Migräneanfälle. Schreiben lernte er erst mit 14. Und bis er die Monate fehlerfrei aufsagen konnte, war er 16. In dem Alter hatte er bereits zwei Selbstmordversuche und eine Laufbahn durch mehrere Schwererziehbarenheime hinter sich. Alle, er selbst inbegriffen, hielten ihn für dumm. So traf er mit 13 drei Entscheidungen: Er wurde Punk. Er wurde Klassenclown. («Lieber der Clown als nur dumm.») Und er stellte das offizielle Lernen in der Schule ein." (Quelle) 
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Eingestellt von udopia-04 um 22:06 Keine Kommentare:
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Montag, 21. April 2014

Citizen Science - Bildung und Wissen für alle, Kultur-Revolution und Bildungs-Reform.

Weil er keine Lust auf das System von OECD/ Bologna-Prozess/ PISA usw. hatte, schied er als Professor aus dem Staatsdienst aus und machte sich selbstständig.
.
In der "tageszeitung" vom 31.3.14 hat Gabriele Goettle ein langes Interview geführt mit Prof. Peter Finke.
Jahrgang 1942, Lehrstuhl Wissenschaftstheorie 1982 Bielefeld;  Stiftungsprofessur für Kulturökologie Privatuniversität Witten-Herdecke 1996 bis 2000; Ehrendoktor für Verdienste in der Forschung Universität Debrecen (Ungarn) 2004; Emeritierung 2006. -



Das Bildungsverständnis bzw. der Zweck von Bildung von Prof. Finke unterscheidet sich gründlich von dem Verständnis, das wir bei der OECD und bei den PISA-Tests finden. [Siehe auch: Mach Geld! Mach mehr Geld!]

Er sagt:
[...] Mir geht es um den aufmerksamen und kenntnisreichen Menschen, der sich für das interessiert, was mitten im Alltag der Gesellschaft passiert, der Beobachtungen macht, Fragen stellt und nach eigenen Antworten sucht. [...]
Statt dem bildungsmäßig einen Weg zu bereiten, wird von der Politik das genaue Gegenteil betrieben. Ich habe das schmerzlich erlebt. In den Jahren 2003, 2004, 2005 gab es an den deutschen Universitäten einschneidende Veränderungen, denn die Politik hatte den Wunsch, dass die Universitäten sich umstrukturieren. Und zwar vom Nordkap bis nach Sizilien, dass sozusagen ganz Europa nach ,Schema F' vereinheitlicht wird.

Die Grundidee, eine Verwaltungsvereinfachung herzustellen bei verschiedenen Systemen, die war sicher sinnvoll, aber sehr schnell lief das alles vollkommen schief, und dieses Korsett wurde auf unzumutbare Weise immer enger geschnürt. Das war für mich der Grund, unter Protest aus dem Staatsdienst auszuscheiden. Ich kann und will so keine Lehre machen, und ich hatte keine Lust, das mit zu vollstrecken, was die Politik da verordnet hat.
Die Politik selbst war stark unter Druck der Wirtschaft, die ja die Auffassung hat, die Leute sitzen viel zu lange in den Schulen und Universitäten rum. Gewünscht werden Leute, die kürzer ausgebildet sind und nach sechs Semestern mit übersichtlichen Kenntnissen auf einem bestimmten und gefragten Gebiet Verwendung finden - soweit sie gebraucht werden.
Erschreckend war diese fast einhellige Einigkeit, europaweit. Auch an den Universitäten war der Widerstand schwach, und die meisten Kollegen fanden das sogar eine Chance und haben kein Problem damit gehabt. Nur eine Minderheit, glaube ich, hat die Probleme gesehen und benannt, und da gab es dann auch Meinungsverschiedenheiten. Das Irre ist ja, dass nichts so geschrumpft ist wie die freie Wissensaneignung, und nichts ist so angewachsen wie die Wissenschaftsbürokratie. [...]  Dieses technische Denken hat sich vollkommen durchgesetzt, Studenten haben nur noch eine fragmentarische Ausbildung, müssen sich auf ein Teilgebiet konzentrieren. Was sie nicht bekommen, ist ein Verständnis des Zusammenhangs, sie kriegen nicht mehr die Zeit und die Anregungen, darüber nachzudenken. Das ist falsch! [...]     Das ganze Interview finden Sie > hier.
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Nur mit citizen science 
wird es wohl auch nicht gehen. Es gibt parallel auch den Begriff des  citizen journalism, der aber durchaus gemischte Gefühle hervorruft. Denn wenn Jounalismus allein daraus bestehen würde, dass Hans und Franziska  mit ihrem smartphone loszuziehen, um vor Ort betroffene Menschen zu interviewen und zu filmen, um das Produkt dann auf eine Plattform ins Internet zu stellen, wird es wohl keinen Qualitäts-Journalismus mit profunden Hintergrund-Kentnissen mehr geben.

Kultur-Revolution und Bildungsreform
Ich denke auch an die Bildungsreform im bevölkerungsreichsten Land der Erde, in China ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre (im Rahmen der Kulturrevolution).
Damals wurde von Mao Zedong eine Art citizen science zum Maß aller Dinge.

Hu Yaobang (1915 - 1989)
Hu Yaobang,  gehört zur zweiten Führungsgeneration der Volksrepublik China. Ein Foto von ihm, auf einem Dach sitzend, ein Buch in der Hand und optimistisch in den Himmel und die Zukunft schauend, machte ihn zum Prototyp eines kommunistischen Jugendlichen jener Zeit.
Vor der Bildungreform der Kuturrevolution (1966) hatte die angesehene Chinesische Akademie der Wissenschaften landesweit ca. 25.000 Wissenschaftler, 1975 (1 Jahr vor Maos Tod) waren es nur noch 1.800.
Warum?

„Die Wahrheit in den Tatsachen suchen.“

Schulen und Universitäten wurden geschlossen. Wissenschaftler und Studierende waren zunächst auf das Land geschickt worden, um dort von den Bauern zu lernen, sie sollten "die Wahrheit in den Fakten finden" und nicht nur in den alten Büchern. Nach dem offiziellen Ende der Kulturrevolution (1969) wurden die revolutionären Jugendlichen (Rotgardisten) dann von Mao und der Armee wieder auf das Land oder zur Arbeit in die Fabriken geschickt - damit in den Städten nach der aus dem Ruder gelaufenen Kultur-Revolution wieder Ruhe eintreten sollte. -

"Wissenschaftlicher Forschung sollte Vorrang eingeräumt werden"

Ab 1970 wurde die Handvoll von Universitäten, die noch geöffnet waren, dazu verpflichtet, Bauern und Arbeiter auch dann in die Uni aufzunehmen, wenn sie den Anforderungen nicht genügten.
Als 1973 US-Wissenschaftler wieder ins Land durften und die einst renommierte Peking-Universität besuchten, berichteten sie hinterher, die Wissenschaft dort sei noch nicht einmal auf dem Niveau einer Mittelschule in den USA.
Erst ab 1975 ging es dann an eine erneute Bildungs-Reform: Am 26. September 1975 hielt Deng Xiaoping einen Vortrag mit dem Titel "Wissenschaftlicher Forschung sollte Vorrang eingeräumt werden".


Und heute?
"Mit einer mittleren Punktzahl von 613 – 119 Punkten bzw. das Äquivalent von beinahe drei Schuljahren mehr als der OECDDurchschnitt – erzielte Shanghai (China) die besten Ergebnisse im Bereich Mathematik. Zu den zehn Ländern und Volkswirtschaften mit dem höchsten Leistungsniveau in diesem Bereich gehörten ferner – in absteigender Reihenfolge – Singapur, Hongkong (China), Chinesisch Taipeh, Korea, Macau (China), Japan, Liechtenstein, die Schweiz und die Niederlande."
(Quelle)

The Telegraph 4. Dezember 2013
Natürlich war es für China eine Frage der Ehre, beim PISA-Test mitzumachen und dort an die Spitze zu gelangen. Die Ergebnisse in diesen ausgewählten Städten sagen wenig oder nichts über den Stand der Bildung auf dem Lande in China. - Aber das ist, ebenso wie OECD und PISA, ein Thema für sich.


Eingestellt von udopia-04 um 11:04 Keine Kommentare:
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