Samstag, 21. Juli 2012

Der Geburtsfehler der Gemeinschafts-Schulen in BW


Rainer Dahlem (Jg. 1946, Gewerkschafter): 

Die 70er Jahre waren die Zeit mit großen Auseinandersetzungen um die Schulstruktur – nicht nur in Baden-Württemberg. Das war eine Auswirkung der deutschen Bildungskatastrophe nach dem Sputnik-Schock. Wir brauchten mehr Chancengleichheit, mehr Bildungsbeteiligung und es war klar, dass sich das Schulwesen verändern muss. Es schien nur eine Frage der Zeit, bis Gesamtschulen gegründet werden.
 

Michael Rux (Jg. 1941, Gewerkschafter): 
Man hat das Gymnasium nicht angetastet und die Realschulen ausgebaut. Damals kam die Parole auf: „Schick dein Kind länger auf bessere Schulen“. Damit begann die Abkehr von der Hauptschule. - Wir sind beispielsweise in Freiburg für die Gesamtschulen über die Dörfer gezogen und haben mit Bürgermeistern gesprochen, dass sie die Schulen ausbauen. Aus dieser Bewegung heraus ist die Freiburger Gesamtschule entstanden. Die gegenläufige Entwicklung war, dass viele neue Realschulen und Gymnasien gegründet wurden. 

Dahlem: Es gab zu wenig qualifizierte Schul-Absolventen. Heute haben wir mit dem Fachkräftemangel ein ähnliches Problem. Das traditionelle, gegliederte System ist strukturell nicht in der Lage, ausreichend Chancengleichheit zu bieten und ausreichend gut ausgebildete junge Menschen hervorzubringen.

Schulübertritte Schuljahre 1990/92 bis 2012/13:
Die Hauptschule wurde von der Haupt-Schule zur Rest-Schule


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Warum hat es nochmals 40 Jahre gedauert, bis das gemeinsame Lernen wirklich umgesetzt wird? 

Rux: 
"Alle Menschen, die aufgrund ihrer Bildung oder ihres Vermögens ihr Kind auf eine höhere Schule schicken wollten, haben die Gesamtschule bekämpft. Wir haben verloren, weil wir keine Mehrheit fanden, die Gesamtschule als alleinige Schulform einzuführen. Solange neben der Gesamtschule ein Gymnasium steht, werden alle Leute, die es sich leisten können, ihre Kinder aufs Gymnasium schicken."
 
Das trifft für die Gemeinschaftsschule heute genauso zu. 

Rux: 
Das ist der Geburtsfehler der Gemeinschaftsschule.
Die jetzige Landesregierung hat die Hamburger Volksabstimmung vor Augen und das möchte man hier nicht noch einmal erleben. Was hier wohl los wäre, wenn die neue Koalition die Gemeinschaftsschule auch nur in einem Stadtteil als alleinige Schulform einführen würde? Das würde eine Revolution von oben auslösen. 

Dahlem: Die Gesamtschule hat in Deutschland nie eine Chance gehabt. Das ist die Tragik sozialdemokratischer Bildungspolitik, dass sie Gesamtschulpolitik immer nur mit halbem Herzen gemacht hat. 

Es wird sich zeigen, ob es der grünroten Landesregierung gelingt, die Gemeinschaftsschule auf eine breitere Basis zu stellen. Die dramatische Veränderung der Übertrittquoten hat ihre Ursache darin, dass Eltern wollen, dass ihre Kinder bestmögliche Bildung erreichen.  Deshalb gab es immer wieder Versuche, den Zustrom zum Gymansium zu begrenzen. Klar ist schon, bestimmte Bürgerschichten wollen, dass das Gymnasium für ihre Kinder erhalten bleibt. 
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Warum sind heute Gesamtschulen so erfolgreich?

Siehe dazu auch: 

Seit 2006 vergibt die Robert­-Bosch-Stiftung zusammen mit der Heidehofstiftung, dem Stern und der ARD den Deutschen Schulpreis. Sie würdigt Schulen für ihre vorbildliche pädagogi­sche Leistung, die damit einen wichtigen Impuls für die Ent­wicklung von Schule und Unter­richt in Deutschland setzen. Den Hauptpreis mit 100.000 Euro er­hielt 2011 die Integrierte Ge­samtschule Göttingen.

Einfach war der Weg dieser Integrierten Gesamtschule (IGS) nicht. Zunächst als „Idioten­-Gesamtschule" verschrien, erarbei­te sich die Schule in beharrlicher Aufbauarbeit einen Ruf als leis­tungsfähige Schule, deren Plätze begehrt sind:


180 Schüler/inne werden jähr­lich in Klasse fünf aufgenommen und aus doppelt so vielen Anmel­dungen ausgewählt - entspre­chend der prozentualen Vertei­lung von Empfehlungen im Göt­tinger Gesamtdurchschnitt. Wer dabei sein will, muss zum Kon­zept der Schule stehen.


Der An­drang ist groß, obwohl es in der Universitäts- und Wissenschafts­stadt Göttingen ein breites Ange­bot traditioneller Gymnasien gibt.

Das unterscheidet diese Schule auch von den startenden Gemein­schaftsschulen in Baden-Württem­berg. Letztere entwickeln sich nahezu ausschließlich aus Haupt- und Re­alschulen.
Der Anteil gymnasialer Schüler/innen an der Göttinger IGS liegt deutlich höher und entsprechend hoch ist auch der Anteil gymnasialer Lehrkräfte im Kolle­gium. Im Abitur-Ranking­ stand diese Schule in Niedersachsen auf Platz zwei und ließ nahezu alle Gymnasien hinter sich. Spannend ist, dass viele Kinder das Abitur schaffen - die ursprünglich nur eine Hauptschulempfehlung hatten.-
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„Auf die richtige Mischung kommt es an“ – 
 sagte Lars-Humrich, der didaktische Leiter der Schule, der nach fünf Jahren am Hochbe­gabten-Gymnasium im Schwäbisch Gmünd nach Göttingen zurückge­kehrt ist. 
Ein Widerspruch? „Nein", sagt er und erklärt, was ihn an bei­den Schulen reizt: 
„Die intensive Beziehung zu den Schüler/innen ist die Voraussetzung für jeglichen Ler­nerfolg.“ „Das WIR betonen, das Ich stärken" 
lautet das Motto der Schule, die in jeder Jahrgangsstufe auch eine Integrationsklasse anbie­tet und alle Kinder zu individuell angemessenen Abschlüssen führt. Das schafft sie ohne Noten bis Klas­se acht. „Persönliche Lernentwick­lungsberichte können Kinder besser fördern als herkömmliche Noten", sagen die Lehrkräfte. Und der Er­folg gibt der Schule Recht.


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Fazit/ Hypothese/ Prognose:
  • Außer in ländlichen Bereichen, in denen die Strukturen noch so stimmig sind, dass die regionalen Betriebe ihre Auszubildenden aus den Hauptschulen der Region rekrutieren können, haben Hauptschulen keine Chance. (In Heidelberg ging die Zahl der Anmeldungen zur Hauptschule für das Schuljahr 2012/13 von 94 auf 29 SchülerInnen zurück (= 3 von 100 Fünftklässlern). In Mannheim von 923 auf 550 (= 12 von 100 Fünftklässlern). In Heilbronn von 341 auf 171 (= 16 von 100 Fünftklässlern). Hauptschulen werden immer stärker zu Rest-Schulen.
  • Weniger SchülerInnen als bisher gehen trotz Gymnasial-Empfehlung auf die Realschulen, sie probieren es erst einmal auf dem Gymnasium.
  • Diese SchülerInnen neigen dann zu G9-Gymnasien, wenn eins in der Nähe ist, statt zu G8.
  • Die Gemeinschaftsschulen könnten/werden dann zu neuen Hauptschulen werden, wenn sie nicht eine gymnasiale Oberstufe anbietet, potenziell das Abitur versprechen und Angebote für potenzielle Besucher der gymasialen Oberstufe ("Kurs-Stufe") machen.
  • Auf der Gemeinschaftsschule muss von Kl. 5 an eine bestimmte Anzahl, eine kritische Masse, von Kindern mit Gymnasialempfehlung vorhanden sein, sonst ist sie für Eltern, die aufgrund ihrer Bildung oder ihres Vermögens ihr Kind auf eine höhere Schule schicken wollen, nicht akzeptabel. 
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Sonntag, 8. Juli 2012

Zensierte und unzensierte Bildungs-Berichte

Von manchen Bildungsberichten sind zensierte und unzensierte Versionen im Umlauf. Nicht in China, sondern in Deutschland. (Siehe unten). - Warum?

Alle zwei Jahre wieder erscheint in Deutschland ein Nationaler Bildungsbericht  . Aktuell ist der vierte erschienen: 

"Bildung in Deutschland 2012". 

Mit diesem von der Kultusministerkonferenz (KMK) und dem Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Bericht wird eine "alle Bereiche des Bildungswesens umfassende aktuelle Bestandsaufnahme des deutschen Bildungswesens vorgenommen". 

Was dort steht, bekommt die Öffentlichkeit nicht unbedingt 1:1 zu lesen. Denn laut Vertrag von 2005 dürfen die WissenschaftlerInnen zwar ihre Zahlen veröffentlichen, aber keine Schussfolgerungen daraus ziehen. Das bleibt dann den Laien überlassen. 


Immer mal wieder wird auch von Politikern versucht, schon auf  die Berichte selber Einfluss zu nehmen, wie zum Beispiel die merkwürdige Kultusministerin Annette Schavan, auf deren Veranlassung aus einem württembergischen Länderbericht im Jahr 2003 berechtigte Warnungen vor einer akademischen Fachkräftelücke heraus gestrichen werden mussten.

Auch auf das Schwerpunktthema des Bildungsberichtes nehmen Politiker Einfluss: Für 2012 wollten die Wissenschaftler angeblich gerne das Thema "Inklusion" wählen, das vielen Schulen gerade auf den Nägeln brennt, denn die Inklusion von Kindern mit Behinderungen in die Regelschulen wird von der UN gefordert, aber die Schulen fühlen sich schlecht vorbereitet. - Deutschland hat zwar die UN-Konvention zum Thema Inklusion unterzeichnet, die Regierungen der Bundesländer haben sie aber nur mühsam und zögerlich umgesetzt . 

So wurde nun erst Mal die "musisch-ästhetische Bildung" zum Schwerpunktthema...

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Was steht nun 2012 drin:
  • Die Wissenschaftler haben laut "Spiegel" Bedenken gegen die "Herdprämie" (dürfen sie denn Bedenken äußern?)
  • Die Hälfte der heutigen Lehrkräfte ist über 50 Jahre alt.
  • Die Zahl der öffentlichen Bildungseinrichtungen ging um 10% zurück, die in privater Trägerschaft stieg um 25%.
  • Es fehlen  175.000 Kita-Plätze und 12.400 Fachkräfte.
  • Laut UN-Konvention von 2009 soll das Sonderschulwesen eigentlich nach und nach abgebaut werden (ist das gut oder schlecht?). Aber obwohl die Gesamt-Zahl aller SchülerInnen in der Mittelstufe in den letzten 10 Jahren um 15% zurückging, stieg die Zahl der Kinder auf Förderschulen um 1,5% an (warum - und ist das gut so?). 
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"Vom Wiegen wird die Sau nicht fett."(Volksweisheit)

Donnerstag, 28. Juni 2012

Wohin gehen die Fünft-Klässler in BW im September 2012?



In Klasse 5 versuchen sie, auf eine Schule zu gehen, die mindestens die Mittlere Reife anbietet.

Generell gilt die Regel: 
Die Kinder sollen mindestens den Bildungsabschluss erreichen, den auch die Eltern schon haben. 
Das ist der Wunsch der meisten Eltern.

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2012 im September werden gut 88.500 SchülerInnen in BW in Klasse 5 eintreten, das sind 4.800 weniger als im Vorjahr ( minus 5,4%).

Landesweite entschieden sich:
  • 44% für das Gymnasium (ca. 39.000,
    plus 4,3% oder plus ca. 1000 SchülerInnen - in Tübingen und Karlsruhe das stärkste Wachstum mit 4,7% )
  • 39% für die Realschule (ca. 34.500, plus 3,9%
    oder plus ca. 1000 SchülerInnen. Die Realschule wuchs am stärksten in Stuttgart mit plus 4,7% - in Tübingen und Karlsruhe plus 3,1 bzw. plus 3,2%)
  • 16,8% für Haupt-/Werkrealschule (ca. 15.000,
    minus 8,3% oder minus 8.800 SchülerInnen)
  • Erstmal gibt es auch Gemeinschaftsschulen, 40 an der Zahl, für diese haben sich ca, 2000 Kinder angemeldet. 


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 Siehe auch die Posts: 

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Ein Beispiel für eine Mathematik-Aufgabe 
mit Differenzierung auf 4 Kompetenzstufen 


  • Niveau C2: Die Aufgabe für das Gymnasium: Ein Bauer produziert einen Sack Kartoffeln für 10 Euro und verkauft ihn für 20 Euro. -
    Wie viel Prozent Gewinn hat er gemacht?
  • Niveau C1: Die Aufgabe für die Realschulen: Ein Bauer produziert einen Sack Kartoffeln für 10 Euro und verkauft ihn für 20 Euro.-
    Wie viel Euro Gewinn hat er gemacht?
  • Niveau B: Die Aufgabe für die Haupt-und Werkrealschule: Ein Bauer produziert einen Sack Kartoffeln für 10 Euro und verkauft ihn für 20 Euro. -
    Hat er Gewinn oder Verlust gemacht?
  • Niveau A: Die Aufgabe für die Gesamtschule: Ein Bauer produziert einen Sack Kartoffeln für 10 Euro und verkauft ihn für 20 Euro. -
    Unterstreiche das Wort Kartoffel und diskutiere darüber!
  • Auf einer Gemeinschaftsschule werden die SchülerInnen sich selber eines der vier Lern-Niveaus aussuchen und dann eigenverantwortlich darüber entscheiden, ob sie diese Aufgabe individuell oder kooperativ bearbeiten möchten. -
    Dabei schaut ihnen eine LernbegleiterIn zu.


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Dienstag, 5. Juni 2012

Es KLIPPERT die Schule... - Strategien zur Vermeidung des Lehrens und Lernens? Neuer Methodenwahn?


Die Bildungsregion Ravensburg kümmert sich sehr um eine zeitgemäße Unterrichtsentwicklung und bietet dazu u.a. ab Januar 2012 25-28 LehrerInnen der Region die Gelegenheit, an einer 3-wöchige kostenlosen MultiplikatorInnen-Ausbildung teilzunehmen.  - Da wird wirklich etwas investiert an Zeit und an Geld, auch von den LehrerInnen selber, denn die Ausbildung findet zum Teil in den Ferien statt.


Im Einladungsschreiben heißt es: 
 
Liebe Lehrerinnen und Lehrer, 
die Heterogenität in unseren Klassenzimmern nimmt kontinuierlich zu. Durch politische Vorhaben wie oder zur Inklusion die Gemeinschaftsschule, den Wegfall der verbindlichen Bildungsempfehlung, sowie die Überlegungen zu längerem gemeinsamem Lernen wird sich diese Entwicklung rasant fortsetzen.
Der Fachtag zur „Heterogenität im Unterricht“ stieß im vergangenen November 2011 bei 350 Lehrerinnen und Lehrern auf großes Interesse. Daher hat der Arbeitskreis Unterrichtsentwicklung der Bildungsregion Ravensburg, dem oben abgebildete Institutionen angehören, ein Unterstützungsprogramm zur systematischen Unterrichtsentwicklung für den Kreis Ravensburg und den Bodenseekreis entwickelt. Dieses möchten wir Ihnen mit diesem Schreiben vorstellen und Sie zur Teilnahme einladen.

Im Mittelpunkt dieser Ausbildung steht das von Dr. Heinz Klippert entwickelte Trainingsprogramm. Dr. Klippert wird bewährte Strategien und Methoden einbringen, die sich über viele Jahre hinweg in Hunderten von Schulen in verschiedenen Bundesländern als wirksam erwiesen haben.

[...] 


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Es gibt gegen die Klippert-Methoden Widerstand aus der Wissenschaft, z.B. aus der "Gesellschaft für Bildung und Wissen", deren Präsident Prof. Dr. Andreas Gruschka, ist, (Erziehungswissenschaftler an der Universität, Frankfurt). In einem Referat , das Sie hier gekürzt nachlesen können, sagte Prof. Gruschka bei der Jahrestagung “Irrwege der Unterrichtsreform” der Gesellschaft für Bildung und Wissen am 24.03.2012 in Frankfurt am Main u.a.:

"Der Irrweg hat einen Namen:
Heinz Klippert.
"
"Sein Methodentraining hat eine eminente Wirkung noch dort entfaltet, wo man gar nicht Klippert-Arbeitsbögen einsetzt. Auch in den fortgeschrittenen Anregungen zum kompetenzorientierten Unterricht als Befolgung von Bildungsstandards oder in der Neuformatierung der Prüfungsaufgaben, sei es als Präsentation, sei es als PISA-like Klassenarbeit findet sich dieser an Klippert anschließende Irrweg.
[...]
Comenius verspricht mit seiner Didaktik, dass dank ihr die Lehrer weniger lehren und dafür die Schüler mehr lernen würden.


In den hessischen Texten zur Kompetenz-Orientierung findet sich das in der wunderbaren Variation, bisher hätten die Lehrer nur gelehrt, nun aber würden die Schüler lernen.Damit ist schon die Bedingung genannt, unter der die Vermeidung des Lehrens überhaupt erst ernsthaft diskutiert werden könnte, nämlich wenn Lehren nicht einfach ausfällt, sondern so eingerichtet wird, dass die Schüler, wie es ebenfalls immer wieder wunderbar heißt, selbst lernen, mithin sie nicht gelernt werden.

Meine schon Jahre anhaltende Verstörung als empirischer Beobachter des alltäglichen wie wohl durch Reformen gekennzeichneten Unterrichts besteht nun darin, dass diese negative Korrelation: Je weniger Lehren, desto mehr Lernen,nicht aufgeht. Sie führt stattdessen dazu, dass komplementär mit der Vermeidung des Lehrens auch die Verhinderung des Lernens sich vollzieht.

Das gut Gemeinte schlägt also um in das schlecht Gemachte und Wirksame.
Schuld daran ist nicht das Setzen auf die Eigentätigkeit des Schülers als seine Aktivierung, verantwortlich ist nicht schon die Abkehr von der Idee, man müsse ihm alles vormachen, ihn an der kurzen Leine zu den Ergebnissen führen, die man haben wolle. Vielmehr rührt die Fatalität der beiderseitigen Vermeidung daraus, dass zunehmend auf Methoden gesetzt wird, die als solche zwar vielfältige Aktivierung auslösen, diese aber Leerlauf betreiben. Wahn wird daraus, wo man sich nicht mehr fragt, was diese Methodenkompetenz sowohl mit den Sachen macht, die immer noch mit unterrichtet werden sollen und wie die Schüler auf Methoden reagieren, die ihr Lernen dynamisieren sollen. Die innere Logik dieser Methoden führt letztlich dazu, dass mit dem Vermeiden der Belehrung das Lernen von etwas, was nicht die Methode selbst ist, weitgehend ausgeschlossen, bzw. überflüssig gemacht wird.
...

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Und nun?

 Ein Klippert-Woche kann wertvolle Anregungen geben, wenn ich nicht auf die Idee komme, diese Klippert-Woche hinterher mit meiner Klasse in nuce nachmachen zu wollen.


Sonntag, 3. Juni 2012

Experiment Tibet: Felder und Akteure auf dem Schachbrett der Bildung

Wer sich für andere Kulturen interessiert und auch im Bereich BILDUNG etwas über die Grenzen des eigenen Landes hinausschauen will, interessiert sich vielleicht für dieses Buch:




"Die Autorin dieses Buches widmet sich mit dem Thema «Bildung in Tibet» einem Bereich, der im Rahmen der Modernisierung Chinas aktueller denn je ist. Bildung für wen und wozu und in welcher Sprache? Von dieser Frage geleitet beleuchtet die Autorin historische Vorbedingungen, erläutert zeitgleiche politisch-ökonomische Kontexte und macht so die Mechanismen zwischen Regierungszentrale, Lokalbehörden und Schulen sichtbar. Interviews mit tibetischen Jugendlichen vor Ort und mit den Initiatoren mehrerer Schulprojekte runden die historisch-soziologische Studie ab und schlagen die Brücke zur wahrnehmbaren Realität der Gegenwart."

Die Autorin des Buches, Martina Wernsdörfer, ist Kuratorin für Asien im Völkerkunde-Museum der Universität Zürich.
Dort organisierte sie auch eine interessante Ausstellung zur "Kultur der Kulturrevolition" in China (1966-1976).

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Siehe dazu auch den Post: All Under Heaven is Great Chaos. 


Donnerstag, 24. Mai 2012

Deregulierung in der Schule. Von Mit-SchülerInnen und Gegen-SchülerInnen


Diese Tage stand ein Interview in der Südwestpresse, das begann so:
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Das Patientenrechtegesetz bringt vielen Kranken keine Vorteile, sagt der Gesundheitsexperte Wolfgang Wodarg. Der Arzt und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete plädiert für mehr Solidarität.

Stärkt das geplante Patientenrechtegesetz die Rechte der Patienten?
WOLFGANG WODARG: Meiner Ansicht nach ist es ein Zeichen für den Vertrauensschwund in das System. Das Gesetz überträgt die Rechtewahrnehmung jedem Patienten als Einzelperson. Die Solidargemeinschaft passt nicht mehr auf ihn auf.

Existiert diese Solidargemeinschaft nicht mehr?
WODARG: Nein, als Folge der Deregulierung unseres Gesundheitswesens. Früher gab es die Krankenkassen, die als Solidargemeinschaft auf ihre Versicherten aufpassten. Inzwischen gebärden sie sich wie normale Versicherungen, die im Wettbewerb zueinander stehen. Das ist die Schuld der Politiker, sie haben sich einreden lassen, dass es gut ist, wenn man Solidargemeinschaften in den Wettbewerb schickt.

Aber im Gesetzesentwurf "sollen" die Kassen den Patienten helfen.
WODARG: Das reicht nicht aus. Die Kassen haben eigene betriebswirtschaftliche Interessen, sie sind zu egoistischen Organisationen geworden, die ums Überleben kämpfen. Und auch die Patienten müssen sich um sich selber kümmern. Das wird dann positiv dargestellt, man spricht vom "mündigen Patienten". [...]
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Fragen:
  • Gibt es nicht auch einen Vertrauensverlust in die Schulen? 
  • Existiert die Solidargemeinschaft im Bildungsbereich noch?
  • Passt noch jemand auf die SchülerInnen und LehrerInnen auf?
  • Werden Schulen zu egoistischen  Organisationen, die um die "guten" SchülerInnen kämpfen?
  • Werden Eltern zu Egoisten und kämpfen gegen andere Eltern um einen Platz für ihr Kind in einer vermeintlich guten Schule?  (Vergleiche Post: Bildungspanik)
  • Bedeutet die Zunahme des "Individualisierten Unterrichts" in den Schulen nicht (auch) eine "Deregulierung des Unterrichts", indem jeder Schüler und jede Schülerin euphemistisch zur "mündigen SchülerIn"  erklärt wird, die nun für sich selber verantwortlich ist und schauen muss, wie sie (möglichst) zum Abitur kommt mit einer (möglichst) guten Punktzahl im Abitur? Denn ihre MitschülerInnen sind nun nicht mehr Mit-SchülerInnen, sondern Gegen-SchülerInnen - im Kampf um einen gut bezahlten und sicheren Arbeitsplatz in Zeiten der Euro- und Banken- und Wirtschaftskrisen?
  • Und was muss passieren, damit das nicht passiert, wenn man eine solidarische Gesellschaft und eine solidarische Schule haben möchte?
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Ein aktueller Bericht aus dem Schul-System:

Drei Millionen Grundschüler gibt es bundesweit, über 700.000 von ihnen wechseln in diesem Jahr an weiterführende Schulen. Doch es werden immer weniger. Und der Kampf um die „abitauglichen“ Schüler wird härter.
Noch haben die Gymnasien in diesem Wettbewerb die Nase vorn. Im Jahr 2010 gingen in 12 von 16 Bundesländern die meisten Grundschüler noch dorthin. Doch das Gymnasium bekommt Konkurrenz.

Gesamtschulen, wie die Göttinger, sind längst keine Exoten
mehr in einem streng nach Schulformen gegliederten Schulsystem, sondern fester Bestandteil eines Zwei-Säulen-Modells. Alle Bundesländer – außer Bayern – sind dabei, ihre Haupt- und Realschulen zusammenzulegen. Die neuen Kombischulen bieten wie die Gesamtschulen der 70er Jahre verschiedene Abschlüsse unter einem Dach an. Auch das Abitur.

Gerade die einst als „Schulen für alle“ gegründeten Gesamtschulen

werben heute verstärkt um leistungsstarke Schüler und setzen dabei auf Auswahlverfahren, die zuweilen stark an die Elitenrekrutierung in Gymnasien erinnern. Die Spielregeln sind je nach Bundesland verschieden. ... Die Zeiten, in denen Gesamtschulen darauf achteten, dass starke, mittlere und schwächere Schüler zu gleichen Teilen vertreten sind, sind hier wie auch an anderen „Schulen für alle“ längst vorbei. Das beklagen auch andere, wie der Vorsitzende des Gesamtschulverbandes, Lothar Sack: „Gesamtschulen, die anfangen, ihre Schüler nach Leistung auszusortieren, verstoßen gegen ihr eigenes Credo.“ Lothar Sack kritisiert das neue Elitedenken. ...
Den ganzen Artikel lesen Sie HIER. ______________________________________________ 



Mittwoch, 2. Mai 2012

Bildungspanik hier - und Aufstände dort


Panik hier: 

Der Soziologe Heinz Bude, Jg. 1954, Professor an der Uni Kassel, hat ein Buch mit dem Titel  "Bildungspanik" geschrieben:


Er meint damit panische Verhaltensweisen von Eltern, der „nervösen Aufsteigerfraktion der Mittelklassen“, die ihren Kindern die besten Plätze in den besten Schulen sichern wollen, möglichst schon in den besten Kindergärten und Grundschulen. - Angst vor zu vielen ausländischen Kindern in der Klasse, vor LehrerInnen, die den eigenen Kindern vielleicht die Zukunftschancen verbauen. 

Deutschland scheint von der aktuellen Wirtschaftskrise kaum erfasst zu sein, es gibt noch Arbeitsplätze, wenn auch viele prekäre. Fachkräfte fehlen angeblich -  (manche sagen: Es gibt genug Fachkräfte, sie verlangen nur zu viel Geld, und die Wirtschaft möchte lieber per Blue-Card billige ausländische Fachkräfte anheuern, deren Ausbildung von deren Heimatländern bezahlt wurde - aber das ist ein anderes Thema...) -  und da möchten natürlich Eltern auf das Versprechen und die Hoffnung, dass ihre Kinder durch möglichst gute und hohe Bildung einen guten Arbeitsplatz bekommen werden, gut bezahlt und sicher - und nicht prekär. 

Siehe dazu auch:



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Um ihren Kindern die (vermeintlich?) beste Bildung zu geben, nehmen manche Eltern lange Fahrzeiten zur Schule in Kauf und investieren viel Geld in zusätzliche Lernangebote. Nur die beste Schule und Exzellenz-Hochschule scheint gut genug zu sein. Staatliche Schulen, die in Deutschland den größten Anteil an Schulen ausmachen, sind Manchen nicht mehr gut genug. Steigende Anmeldezahlen bei Privatschulen, jede Menge zusätzlicher Unterricht außerhalb des Stundenplans, dazu Bildungsaktivitäten in jeder freien Minute – eine breite Bildungspanik habe die Gesellschaft erfasst, meint Heinz Bude. 

Früher sei in der Regel die nächstliegende Grund- oder weiterführende Schule die richtige gewesen. Heute aber, so Bude, sei das ganz anders: "An jeder Stelle der Bildungskarriere müssen Eltern weitreichende Entscheidungen treffen."

Die Panik, so Bude, komme daher, dass viele Eltern von der Situation und den zu treffenden Entscheidungen überfordert seien; zudem werde diese Panik durch internationale Bildungsvergleiche (PISA und andere) noch verstärkt, bei denen Deutschland nur mittelmäßig abgeschnitten hatte. Die jüngste Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), "Education at a glance", sorgt für weitere Unruhe: Schließlich hat die OECD festgestellt, dass Deutschland bei den Bildungsausgaben nur auf Platz 30 von 36 teilnehmenden Staaten landet. 

In Deutschland wird das Gymnasium zur "Hauptsach-Schule" ("Hauptsache Gymnasium - Hauptsache Abitur"), manche sprechen vom Gymnasium als neuer "Volksschule". - Das muss auch an sich nicht schlecht sein, nur: Auch die Lehrkräfte an den Gymnasien ergreift die Panik, die Angst vor dem Ansturm, Angst vor der Verflachung des Niveaus, Angst davor nicht mehr "unter sich", unter Bildungsbürgern, zu sein.
Dort, wo es in hier BW neuerdings Gemeinschaftsschulen gibt, werden sie nur dann angenommen, wenn eine gymnasiale Oberstufe angeschlossen ist und in der Klasse 5 schon mindestens 30% sog. "Gymnasialkinder" sitzen.
So viel zu dem Buch von Heinz Bude und der Bildungspanik in Deutschland. 
In der überregionalen Presse findet man zahlreiche Kommentare, zum Beispiel hier. 
 
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Aufstände dort: 


Wolfgang Kraushaar, Jg. 1948, Politikwissenschaftler in Hamburg und Gast-Professor in Peking, hat in diesem Jahr ein Buch veröffentlicht unter dem Titel: "Aufruhr der Ausgebildeten. Vom Arabischen Frühling zur Occupy-Bewegung". 





In Deutschland, wo die Wirtschaft derzeit noch brummt, hoffen die Eltern auf Aufstieg durch Bildung. Heute kam in den Nachrichten:

Zahl der Arbeitslosen sinkt erneut.  Die Zahl der Arbeitslosen ist im April 2012 um 65.000 unter die 3 Millionen Marke gesunken. Die Arbeitslosenquote sinkt damit um 0,2 Punkte auf 7,0 Prozent.

In anderen Ländern Europas wie Griechenland, Spanien, Portugal sind diese Hoffnungen zerstoben. Dort gibt es Aufruhr: M12M in Portugal, "Democracia real ya" in Spanien, Occupy... 

In den arabischen Ländern fegte die Protestbewegung von jungen gut gebildeten Akademikern die Diktaturen hinweg.  
Den Kern der Revolte bildeten - egal ob in Kairo, Madrid, Tunis, New York, Frankfurt oder anderswo, bei uns in Europa und in der Arabellion - so Kraushaar - (neben den Armen) die enttäuschten Kinder des Bürgertums, die studiert haben, nun arbeitslos sind, jobben, ein Praktikum nach dem anderen absolvieren und keine Aussicht auf Besserung sahen oder sehen. 


Bildung - das Aufstiegsversprechen für die Mittelschicht - darauf können die Eltern in Deutschland noch hoffen. Anderswo ist Bildung zum Armutsrisiko geworden: In Marokko, Tunesien und Ägypten ist die Arbeitslosigkeit bei Hochschulabsolventen doppelt so hoch wie im Durchschnitt. 
So wie 1968 macht auch jetzt wieder die gebildete akademische Jugend global mobil.  Aber - so Kraushaar - den 1968er standen noch alle Wege nach oben offen...


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